Aus dem Tagebuch von Janne. Transparenz am OSK Bielefeld.

Den ganzen Vormittag habe ich in ganz gewöhnlichen Klassenräumen verbracht, nun sitze ich hier in einem dieser gläsernen Klassenräume, die für das Oberstufenkolleg bezeichnend sind.

Unter dem Begriff „Unterricht auf Flächen“ – konnte ich mir zuvor nicht wirklich etwas vorstellen. Ich hatte mir eher einen großen freien Raum mit ein paar Stellwänden vorgestellt, doch was wir hier vorfinden ist ein normales U aus Stühlen und Tischen wie es zu meiner Schulzeit Standard war – nur eben keine Wände, keine Türen, keine Fenster, sondern Plexiglas zu allen Seiten.

TRANSPARENZ.

Ein in der Fachdidaktik und Erziehungswissenschaft so gern verwendeter Begriff, wird hier auf eine Art und Weise umgesetzt, die ich nicht für möglich gehalten hätte.

Während ich das freundliche Miteinander zwischen den Schüler_innen und dem Lehrer beobachte und der Diskussion um die Bedeutung von Frida Kahlos Selbstportraits lausche, kommen mir jede Menge Fragen über diese außergewöhnliche Raumsituation in den Sinn: 

Sind diese durchsichtigen Zimmerwände Schutz oder Kontrolle?
Führt es zu höherer Unterrichtsqualität wenn das Geschehen im Klassenzimmer dauerhaft von allen Seiten beobachtet werden kann?
Verhindert diese besondere Art der Architektur eine Eskalation im Verhalten der Schüler_innen und Regelverstöße seitens der Lehrerschaft?

Schafft die dauerhafte Sichtbarkeit auch Sicherheit?

Als Jonas und Gunnar vom Lernreise-Team am Klassenraum vorbeilaufen und mich dadurch kurz von der mexikanischen Künstlerin und meinen Gedanken ablenken, frage ich mich, ob diese Form des Unterrichts wohl auch die Konzentration schult.
Dafür, dass weder zu den anderen „Klassenzimmern“ noch zum Korridor Türen existieren, ist der Geräuschpegel überraschend niedrig, die visuelle Ablenkung ist allerdings enorm.

Lernen die Schüler_innen so schon vor Unibeginn sich auf einen Sache zu konzentrieren? 


Die Kollis mit denen ich spreche nehmen die transparenten Räume positiv wahr, einige erzählen, dass sie in ihren Freistunden dem Unterricht anderer Klassen zuhören und manchmal sogar daran teilnehmen. Das Schwierige sei allerdings, erzählen sie, dass hier auch Klausuren geschrieben werden, dann sei es doch oft zu laut.

Den meisten von uns bleibt neben der außergewöhnlichen Architektur die starke Teilnahme der Kollis an der Schulentwicklung im Gedächtnis. 
„Demokratische Partizipation“ ist hier ein Unterrichtsfach. Auf die Frage ob es die Kollis nicht stört, ihren „KRAT“ (Kollegiatenrat) quasi vor den Augen aller hinter Glas abzuhalten bekommen wir als Antwort zu hören:

"Wieso denn? Wir müssen uns doch nicht verstecken, wir haben nichts zu verbergen."