#3 Grundschule Berg Fidel, Münster

"Berg Fidel - Eine Schule für alle". 

Dieser Titel eines Dokumentationsfilms lockte nicht nur viele Besucher ins Kino, sondern auch uns Studierende an die dazugehörige Grundschule in Münster. 

Der Film, den wir uns noch in Hamburg gemeinsam angesehen hatten, erzählt die Geschichten von vier Schüler_innen der Grundschule Berg Fidel, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, variierend in ihrem kulturellen Hintergrund, ihrem Alter, ihrem Leistungsniveau. Nun standen wir im Morgengrauen vor besagter Schule und waren gespannt, ob Realität und Vision kompatibel sind.

Berg Fidel ist die einzige Grundschule auf unserer Route quer durch Deutschland und außerdem die erste Schule, die keine Aufnahmebedingungen an ihre Schüler_innen stellt. Hier praktiziert man seit Jahren ein System, das in der Öffentlichkeit zurzeit das beliebteste Thema in Sachen Bildungsreform zu sein scheint: Inklusion. 

Doch da, wo andere Schulen an einem bestimmten Punkt ihre Pforten schließen und Kinder mit ausgeprägteren körperlichen oder geistigen Behinderungen oder mit starkem Lernförderungsbedarf schlichtweg ablehnen, geht Berg Fidel weiter. 

Aus der tiefen Überzeugung heraus, dass jedes Kind gewollt und jede Art von Separation künstlich und menschenfeindlich ist, entstand das Konzept, allen Kindern gemeinsames Lernen und Entwicklung zu ermöglichen - auf individuellem Niveau, aber gemeinsam. 

Wir sind neugierig und wollen wissen, wie diese Lerngemeinschaft funktioniert und was wir als angehende Lehrer_innen davon lernen können. Denn dass wir auf einen solchen Schulalltag in unserer Ausbildung bislang nicht vorbereitet werden, ist uns allen klar. 

So bleibt uns zunächst die beobachtende Perspektive. Anders als an den vorherigen Schulen, verteilt uns Schulleiter Reinhard Stähling vor Beginn des Unterrichts einzeln auf alle Klassen, wo wir von den Kindern begeistert empfangen werden. Niemand scheint sich an einer zusätzlichen erwachsenen Person im Raum zu stören, denn hier ist man auch aufgrund der besonderen Situation zu der Erkenntnis gelangt, dass der Lehrer oder die Lehrerin als Einzelkämpfer ausgedient hat und bedingungslos inklusiver Unterricht nur im Team gelingen kann. Diese Teams setzen sich aus Personen unterschiedlicher Professionen zusammen, sie sind: Lehrer_innen, Sozialarbeiter_innen, Sonderpädagog_innen und auch Praktikant_innen. Gemeinsam gestalten sie das Projekt Schulalltag und genießen dabei das volle Vertrauen der Schulleitung. Diese ist davon überzeugt, dass die Pädagog_innen, die am nähsten an den Kindern dran sind, auch am besten wissen, was für die individuell optimale Entwicklung der jeweiligen Gruppe vonnöten ist. Um diese Autonomie zu unterstützen wird jedes Team einmal im Halbjahr innerhalb der Unterrichtszeit freigestellt, um gemeinsam kreativ zu werden, Visionen zu entwickeln und die  Strukturen zu reflektieren.

Ein inklusives Konzept verlangt demnach gewissermaßen nach einer bestimmten pädagogischen Haltung den Schüler_innen gegenüber. Am besten kann man diese Haltung als stark individuumszentriert und empathisch beschreiben.

Durch die unterschiedlichen Erlebnisse, die wir an diesem Tag in den verschiedenen Klassen gesammelt haben, ergeben sich für uns zwei Fragen:

1. Wenn alle Teams in größtmöglicher Autonomie arbeiten sollen, wie kann dann diese gemeinsame Haltung in allen Teams geschaffen werden? 

2. Wie können Lehrer_innen authentisch handeln und sich selbst treu bleiben, wenn sie gleichzeitig einer bestimmten pädagogischen Haltung gerecht werden sollten?

Verschnaufpause vor dem Interview

Verschnaufpause vor dem Interview

Am Ende des Tages sitzt uns Schulleiter Reinhard Stähling gegenüber, der sich fast zwei Stunden Zeit nimmt, um mit uns über unsere Erfahrungen ins Gespräch zu kommen. 

Wir haben uns über Ungehorsam im Schulbetrieb, langen Atem für Veränderungsprozesse und den Sinn und Unsinn universitärer Lehrer_innenbildung ausgetauscht. 

Da wir diesen Schatz nicht für uns behalten wollen, könnt ihr euch das Video vom Gespräch nun hier anschauen!

Was uns weiter begleitet, sind die neuen Fragen und der beeindruckende Mut, sich komplett zu öffnen.