#2 Anne-Frank-Schule, Bargteheide

Dienstagabend, Hamburg, dicht gedrängt in einem Falafelladen: 12 Bildungsreisende und Enrike, die uns von ihrer ehemaligen Schule und unserem nächsten Ziel erzählt- der Anne-Frank-Schule in Bargteheide. Ihre Augen glänzen, sie schwärmt, kann sich keine bessere Schule vostellen und wir suchen den Fehler, nehmen sie ins Kreuzverhör. Wie kann es sein, dass eine staatliche Gemeinschaftsschule ohne extravagantes Konzept den deutschen Schulpreis gewinnt? Was ist das Geheimnis? Die Schüler_innenschaft besteht zu Anfang des Jahres zu je einem Drittel aus Kindern mit Haupt, -Real, -und Gymnasialempfehlung - zum Ende schneiden durchschnittlich ca. 60 % besser ab als ihre Prognose es voraussagte. Welche innovative Struktur verbirgt sich hinter diesem Erfolg? Wir sind verwirrt. Solange, bis wir am Mittwoch morgen nach Bargteheide fahren, um uns selbst ein Bild von dieser Schule zu machen. 

Dort eingetroffen ist die erste Person, die wir treffen "unser wunderbarer Hausmeister", wie Enrike ihn uns vorstellt. Er begrüßt uns herzlich und lotst uns freundlich in Richtung Lehrer_innenzimmer, doch auf dem Weg dorthin verlaufen wir uns, bzw. nutzen die Chance, die Umgebung und die Atmosphäre kennenzulernen und wahrzunehmen: Große, helle und sehr saubere Gebäude, Gemeinschaftsräume und Sitzgelegenheiten für Schüler_innen an jeder Ecke, moderne Schließfächer vor den Klassenräumen und neben jeder Tür eine Glasscheibe, sodass uns neugierige Schüler und Schülerinnen aus den Räumen beobachten wie wir orientierungslos durch das Schulgebäude irren. 

Am richtigen Ort angekommen, begrüßt uns Herr Hein, der pädagogische Koordinator der Schule. Er nimmt sich Zeit, um uns die Anne-Frank-Schule vorzustellen, aus seinem Lehreralltag zu berichten und setzt sich mit unseren Fragen auseinander. Durch dieses ausführliche Gespräch und den Blick hinter die Kulissen, gelingt es uns, die DNA dieser Schule zu entdecken und zu verstehen. Es wird deutlich, dass es eben doch kein reiner Zufall ist, dass hier Schule funktioniert und obendrein auch noch Spaß macht. 

Beziehungsarbeit leisten. 

Vor dem Besuch der Schule eine Worthülse, nichts woraus wir als angehende Pädagog_innen konkrete Methoden bzw. Verhalten ableiten konnten. Und nun ist es genau eines der großen gelüfteten Geheimnisse hinter den glänzenden Augen. 

Je zwei Klassenlehrer_innen betreuen ihre Klasse von der 5. bis zur 10. Stufe. Wie uns scheint eine Grundvoraussetzung für gelingende Beziehungen. "Ein guter Pädagoge ist an den Einzelschicksalen seiner Schüler interessiert". Ganz klar liegt hier der Fokus auf dem Menschen und nicht auf dem "Stoff" - eine Haltung, die sich auch in der Aufteilung des Lehrerzimmers zeigt. Lehrer_innen sitzen in Jahrgangsteams statt nach Fächern sortiert zusammen. Warum ist das eigentlich nicht überall so? Schwierige Situationen werden gemeinsam besprochen und gelöst.     

Doch auch für Herrn Hein ist klar: Ohne die visionäre Schulleitung wäre diese Schule nicht möglich. Als wir später die Gelegenheit haben, mit Frau Knies persönlich zu sprechen, wird jedoch deutlich, dass die Vision, ihre Schule kontinuierlich weiterzuentwickeln und an die Herausforderungen eines sich ständig verändernden Schüler_innenalltags anzupassen und weiterzudenken, vom gesamten Kollegium getragen wird. Die Anstöße zur Innovation kommen heute nicht nur von ihr, sondern aus allen Richtungen. Damit diese Ideen auch zu nachhaltigen Innovationen werden und tatsächlich die Qualität verbessern, müssen sie zunächst von der zu gleichen Teilen aus Schüler_innen, -Eltern, -und Lehrer_innenschaft bestehenden Schulkonferenz beschlossen werden und sich dann mindestens zwei Jahre in der Praxis bewährt haben, bevor neu darüber verhandelt wird. 

Auch der ständige Austausch mit dem Netzwerk Blick über den Zaun, sichert die Qualität der Innovationsprozesse. Schulen besuchen sich und evaluieren sich nach dem Prinzip der "kritischen Freunde" gegenseitig.  

Insgesamt begegnen wir hier außerordentlich viel individuellem (unbezahltem!) Engagement seitens der Lehrkräfte, stellen uns dabei aber die Frage nach Grenzen psychischer Kapazitäten sowie Zeit und Raum für Ruhe- und Energietankung. Sind nur 10% Innovation im Jahr vielleicht doch zu viel? Trotzdem haben wir das Gefühl, nur Lehrer_innen mit einem Lächeln im Gesicht zu begegnen. Der wertschätzende Umgang miteinander findet sich im Team, genauso zwischen Schüler_innen und Lehrer_innen und unter den Schülerinnen und Schülern. Die Stärken eines_r jeden werden hervorgehoben. 

Zwei Projekte tragen dazu besonders bei

Beim Talentschuppen handelt es sich um einen Abend, der ein Mal im Jahr statt findet und an dem Schülerinnen und Schülern die Bühne gegeben wird, ihre persönlichen Talente vorzustellen. Außerdem durchlaufen alle siebten Klassen das "Stärkenseminar". Dabei beschäftigen sich die Schüler_innen für zwei Tage mit herausfordernen Aufgaben. Dabei werden sie von "Nicht-Lehrer_innen" beobachtet. Im Anschluss spiegeln diese jedem_r Schüler_in dessen_deren individuellen Stärken. 

Auch wir fühlen uns darin bestärkt, genau das Richtige zu tun und an dieser Schule jederzeit willkommen zu sein. Inklusive vieler neuer Eindrücke und der Gewissheit, dass alles möglich ist, wenn die Beziehung stimmt, begeben wir uns wieder Richtung Zug nach Hamburg. Mit glänzenden Augen.

Glänzende Augen nach dem Besuch in Bargteheide. Hier kommen wir gerne wieder hin :).  

Glänzende Augen nach dem Besuch in Bargteheide. Hier kommen wir gerne wieder hin :).