#1 Montessori-Oberschule, Potsdam

Wir haben uns von Anfang an gefragtwarum wir in unserem Studium kein "best-practice" betreiben. Warum untersuchen wir nicht systematisch, wie die besten Schulen in Deutschland arbeiten? Warum beschäftigen wir uns nicht mit Schulen, die anders arbeiten als gewöhnliche Schulen, und damit unheimlich erfolgreich sind?

Dieser Wunsch eines zeitgemäßen Studiums für Lehrer_innen lassen wir nun Realität werden. Gestern ist unsere Bildungsreise gestartet. Wir haben die Montessori-Oberschule in Potsdam besucht.

Der Plan der Jugendschule am Schlänitzsee.

Der Plan der Jugendschule am Schlänitzsee.

Am Morgen haben wir eine Einleitung über das Konzept und die Schulkultur von der Schulleiterin Ulrike Kegler bekommen.

Anschließend hatten wir am Vormittag die Gelegenheit, zu hospitieren. Die meisten Türen standen offen. Die Kinder genießen an dieser Schule eine große Bewegungsfreiheit. Trotz oder gerade wegen dieser strukturellen Freiräume ist es in der Schule sehr ruhig. Permanent laufen welche von ihnen nach draußen, holen sich neues Material und arbeiten dann, so unser erster Eindruck, oft unheimlich konzentriert an einer Sache. 

Wir haben uns bei unserer Hospitation besonders die Strukturen und Arbeitsweisen der Klassen 7 und 8 angesehen. In diesen beiden gemischten Stufen arbeiten die Jugendlichen über zwei Jahre ausschließlich an Projekten. Über einen unterschiedlich langen Zeitraum wird ein bestimmtes Thema bearbeitet. Hier nähern sich die Schüler_innen aus verschiedenen Perspektiven den Themen; es gibt keinen richtigen Fachunterricht, sondern viel mehr fachübergreifende Blöcke, die das Erschließen des Themas viel einfacher machen. 

Die zweite Hälfte des Tages haben wir in der Jugendschule am Schlänitzsee verbracht. Das ist ein brach liegendes Gelände. Hier ist in den sechs Jahren ein Ort entstanden, den primär die Schüler_innen gestaltet haben. Aus den Klassen 7 und 8 fährt immer eine der Projektgruppen für eine Woche an den See, um hier, schon vorbereitete und angestoßene, Projekte mit einem Landwirt und einem Kanubauer zu verwirklichen; es wird täglich gekocht, die Natur muss bewirtschaftet werden und es werden neue Projekte, wie ein Salbeigarten oder der Bau einer Wasserpumpe, realisiert. An diesem Ort sind die Schüler_innen außerhalb ihrer normalen Lernumgebung und setzen sich intensiv mit der Natur und ihren Begebenheiten und Herausforderungen auseinander. 

Diese neue Form von Schule und Lernen hat uns wirklich begeistert und wieder mal gezeigt, wie viel in Schulen möglich ist.

Heute haben wir in der Reflexionsrunde versucht, unsere gesammelten Erfahrungen und Gedanken aus der Montessori-Oberschule Potsdam zusammenzufassen.

Drei Themen haben uns dabei besonders zum nochmaligen Nachdenken angeregt.

1. Die Mitbestimmung der Schülerinnen und Schüler:

An der Schule gibt es schon einige Möglichkeiten für Schüler_innen zu partizipieren. Im täglichen Morgenkreis wird geklärt, welche Themen den Kindern und Jugendlichen im Kopf herumschwirren, was die Gruppe an dem jeweiligen Tag machen möchte, was jede_r Einzelne an diesem Tag machen will und ob es noch weitere Dinge zu klären gibt. Außerdem gibt es an der Schule eine Schülervertretung, die sich aus je zwei Klassensprecher_innen zusammen setzt. In der Schülervertretung werden dann die Vertreter_innen für die Schulkonferenz gewählt. Auf dem Gelände der Jugendschule am Schlänitzsee haben die Jugendlichen die Möglichkeit, aktiv mit zu gestalten, eigene Ideen einzubringen und die Themen ihrer Projektgruppen selbst zu bestimmen. Wir haben keinen reflektierten Eindruck bekommen, wie viele ihrer Ideen die Kinder und Jugendlichen in der Schule oder zur Konzeptionsentwicklung einbringen können.

Das ist wohl etwas, was uns auf unserer Reise öfter begegnen wird. Ein einziger Tag und nur die Meinungen einiger weniger Schüler_innen und Lehrer_innen müssen nicht repräsentativ für das Bild einer Schule.

2. Lehrer_innenbildung und Kollegiumskultur:

Besonders beeindruckt hat uns der innere Zusammenhalt des Kollegiums. Um innere Hierarchien zwischen Grundschul- und Sekundarstufelehrer_innen aufzubrechen,  wurde das Prinzip der Rotation im 3-Jahres-Rhythmus innerhalb des Kollegium eingeführt, d.h. alle Lehrkäfte müssen in allen Klassenstufen unterrichten. Eines unser persönlichen Highlights ist, dass das Kollegium zusammen auf Bildungsreisen fährt. Ähnlich wie wir besuchen die Lehrer_innen verschiedene Schulen, um herauszufinden, wer sie sind, was sie können und neue Ideen davon zu bekommen, woran sie noch arbeiten können. Außerdem gilt bei allem, so sagte Frau Kegler: "Einfach erst mal machen und dann die Fehler machen."

3. Inklusion und der Umgang mit Heterogenität:

"Über Inklusion kann man und sollte man mit Kindern nicht reden, man sollte sie vorleben." War der entscheidende Satz von Frau Kegler. Ziel der Montessori-Schule ist es alle gleich zu behandeln und auf niemanden mit dem Zeigefinger zu zeigen. Förderung im Sinne von selektiven Zusatzangeboten erscheinen hier unpassend. Alle Lehrer_innen verstehen sich als Sonderpädagog_innen, jedes Kind wird mit seinen individuellen Bedürfnissen gesehen. So zumindest die Idealvorstellung. In der Hospitation kommen uns dann aber doch die ein oder anderen Zweifel, ob die Umsetzung des Ideals in die Praxis nicht an einigen Stellen vielleicht auf Kosten der Entwicklung der Kinder geht. Einige Fragen bleiben offen. So zum Beispiel: Wie viele Strukturen brauchen die Kinder zum Lernen? Sind für gewisse Tätigkeiten, wie das Schreiben lernen, bestimmte angepasste Arbeitsplätze dem Boden zu bevorzugen? Inwiefern kann man die Kinder einbinden, als Hilfskräfte für "benachteiligte" Kinder? Und in dem Zusammenhang:

Wie viel Verantwortung kann man Kindern zumuten?

Wie weit sollte Inklusion thematisiert werden? "Jede_r ist anders! Und dadurch besonders und einzigartig und hat individuelle Bedürfnisse..." Um eben diese immer optimal zu erfüllen, ohne andere Kinder zu vernachlässigen, sollten, unserer Meinung nach, Expert_innen wie zum Beispiel Sonderpädagog_innen weiterhin ihre Berechtigung haben

Wichtig erscheint uns stetig einen Blick dafür zu haben,was ein Kind gerade braucht. Alles steht und fällt mit dem_der Pädagog_in , seiner_ihrer Haltung dem Kind gegenüber und seiner_ihrer Intuition.