#5 LernZeitRäume, Dossenheim

"Wir sind eine lernende Schule"

Noch während wir unsere Reise planten, bekamen wir die dringende Empfehlung, die Freie Schule LernZeitRäume in Heidelberg-Dossenheim zu besuchen. Sie war uns bis dato völlig unbekannt, doch allein der Name klang so verlockend, dass diese Schule auf unserer Route eingeplant wurde. Von Wiesbaden aus machten wir uns also auf den Weg Richtung Süden, um das Geheimnis zu lüften. 

Die LernZeitRäume befinden sich in einem unscheinbaren Wohn-/ Bürogebäude - auf den ersten Blick kein besonders inspirierender Lernort. Mit dem zweiten und dritten Blick wird uns aber klar, dass der Raum hier wichtiger Pädagoge ist. Alle ziehen hier bei Betreten des Schulgebäudes die Straßenschuhe aus und die Hausschuhe an, alle Räume sind mit Teppichboden ausgelegt. Das Lehrerzimmer gleicht eher einem Terrarium, durch eine Glaswand hat man genauen Einblick, außerdem ist der Zugang hier nicht auf Lehrpersonal beschränkt: Während wir uns alle in den kleinen Raum zwängen, Kaffee trinken und uns mit den Pädagogen und Pädagoginnen unterhalten, kommen immer wieder Schüler_innen mit kleinen und großen Sorgen und finden Gehör.

Die Klassenräume selbst laden ebenfalls zum Verweilen ein. Hier steht nicht Stuhlreihe hinter Stuhlreihe und vorne eine Lehrkraft an der Tafel, im Gegenteil: Im Geographieunterricht haben es sich einige Schüler auf Sesseln und einem Sofa bequem gemacht und andere sitzen ganz klassisch an Tischen, die Anordnung ist aber eher die eines Kreises, in dessen Mitte der Lehrer etwas zum Thema Ökosysteme erklärt. Er tut das auf Englisch, denn das ist seine Muttersprache und bilingualer Unterricht in dieser Form gehört zum Konzept der LernzeitRäume. (Dabei wird er von einer weiteren Lehrerin unterstützt, die im Falle des Falles auch auf deutsch übersetzen könnte.) Die ganze Unterrichtssituation entspricht alles in allem eher einem Gespräch auf Augenhöhe. Dieses Gespräch (im Übrigen wichtiger Bestandteil des Jenaplans) schlängelt sich im Laufe der Stunde von philosophischen über sozialpolitische Themen bis hin zur Biologie und Geographie. Die Teilhabe am Unterricht führt bei uns zu spontanen Begeisterungsausbrüchen und dem Wunsch, sich zu Hause in alten Biologieordnern zu vergraben. Unser Fazit: Guter Unterricht. 

Aber Unterricht ist hier nicht alles. Angelehnt an die Pädagogik Freinets gibt es hier verschiedene Ateliers, wie eine Druckerei oder eine Holzwerkstatt. Leider können wir sie bei unserem Besuch nicht besichtigen, da ein Hochwasser die Räume unbegehbar gemacht hat. 

In dieser Schule hört das Lernen aber nicht auf, wo die Mauern des Gebäudes stehen oder der Gartenzaun das Gelände umringt. Wo die Raumkapazitäten nicht ausreichen, wird der Raum des Begriffs "Schule" radikal erweitert. So findet Lernen hier nicht nur im Schulgebäude statt, sondern auch an kooperierenden Orten, wie dem Schwimmbad um die Ecke, dem Ruderclub der Stadt oder dem Chemieunternehmen gegenüber. Die Schule öffnet sich in alle Richtungen. Es gibt Kooperationspartnerschaften mit der Pädagogischen Hochschule und der Uni in Heidelberg. An der Schule gibt es dadurch immer wieder kleine Forschungsprojekte, aber auch die Lehrer_innen der Schule sind teilweise Dozierende.

Durch diese Netzwerke bleibt die Schule wirklich am Puls der Zeit und lebt ihren Schüler_innen vor, dass Lernen und Bildung nicht nur eitler Selbstzweck der Institution Schule ist, sondern tatsächlich einen Bezug zum "wahren" Leben haben kann und muss. 

Im Jahr 2005 wurde der Trägerverein durch eine Elterninitiative gegründet. Seit 2006 gibt es die staatliche Genehmigung für die Grundschule. Es folgte die Genehmigung der Realschule und 2012 auch die Genehmigung für  das Aufbaugymnasium. An dieser Schule kann man also von der ersten Klasse an lernen und bis zu seinem individuell besten Abschluss zusammen bleiben. Das allein wäre schon eine wesentliche Besonderheit gegenüber konventionellen Schulen, doch das ist erst der Anfang. Die LernZeitRäume haben es sich als Ziel gesetzt, die beiden Konzepte des Jenaplan 21 und Freinets zu verbinden und damit eine optimale Symbiose geschaffen. 

Gemäß des Jenaplans lernen in den Klassen je drei Jahrgänge gemeinsam, was ein großer Vorteil gegenüber dem Konzept des zweigliedrigen jahrgangsübergreifenden Lernens ist, denn bei drei Stufen können die Schüler_innen langsamer und natürlicher in die Rolle der "Großen" wachsen. Außerdem bestimmen die vier Säulen des Jenaplan den Schulalltag: Gespräch, Spiel, Arbeit und Feier. Da diesem Konzept aber der Aspekt der Erziehung zur Demokratie fehlte, ergänzt man mit der  Pädagogik Célestin Freinets. Jede Gruppe trifft sich mindestens einmal wöchentlich zum Gruppenrat. Neben Gruppen- und Schülersprechern gibt es aber auch ein Kinderparlament. Für die Schüler_innen heißt das, dass sie ihr Leben an der Schule aktiv mitgestalten

"Wir sind eine lernende Schule", sagt Schulleiterin Signe Brunner-Orawsky. Für sie und ihr Team von Pädagog_innen ist es wichtig, niemals an den Punkt zu gelangen, an dem man sich einbildet, alles verstanden zu haben. So, wie sie als Lehrer_innen den Kindern helfen, neugierig zu bleiben und sich individuell zu bilden, wollen sie selbst weiter dazulernen und so auch das Konzept der Schule weiterentwickeln. Auf diese Weise setzen sie zwar auf die Erfahrungen von Erziehungswissenschaftlern vom Anfang des letzten Jahrhunderts, bauen diese aber so aus, wie es den Anforderungen des Hier und Jetzt angemessen ist. 

Dieses dynamische Konzept des kontinuierlichen Lernens wird von Eltern, Schüler_innen und Lehrer_innen getragen und vor Ort erfüllt, stößt bei der Landesregierung und dem Kultusministerium aber auf Argwohn. Das Land Baden-Württemberg steht einem solch innovativen Schulprojekt nämlich kritisch gegenüber und ist misstrauisch, wenn da jemand plötzlich neue Wege geht, ohne unter dem Dach eines kirchlichen Trägers zu sein und sowieso vieles anders macht, als man es gewohnt ist. Leider hat diese Verschiedenheit bisher kein Engagement zum besseren Kennenlernen oder gar eine Förderung zur Folge, im Gegenteil, obwohl die LernZeitRäume ein ungewöhnlich gut durchdachtes Konzept vorzuweisen haben und Schüler_innen wie Eltern hochzufrieden sind, bleibt eine finanzielle Förderung aus. Das gefährdet das ganze Projekt und trägt nicht dazu bei, dass Baden-Württemberg eine innovative und vielfältige Schullandschaft vorzuweisen hat. Dass eine mutige und relevante Schule nur mit der finanziellen Unterstützung von Eltern existieren kann, ist ein wahres Armutszeugnis für unser Bildungssystem.

Am Ende eines erkenntnisreichen Tages legen wir uns erst einmal in die Sonne und verarbeiten unsere Erlebnisse. Irgendwann setzt sich das Schulleitungsteam zu uns und ein herzliches, ungezwungenes Gespräch entwickelt sich. Wir sprechen lange über die Möglichkeiten, die ihr Umfeld der Schule bietet - und wo ihr durch ebendieses auch Grenzen gesetzt sind. Wir sind beeindruckt, dass man sich hier nicht entmutigen lässt, sondern auch trotz Gegenwind an dem erfolgreichen Schulmodell festhält.

So kommen unweigerlich die Lehrkräfte und ihr Selbstverständnis zur Sprache, ein Thema, das uns natürlich besonders interessiert. "Man hat hier keinen Job, sondern ist Teil eines Projekts", stellen Signe Brunner-Orawski und Axel Ohnesorge fest und ergänzen: "Wir arbeiten nicht nur gemeinsam, wir leben für einen Teil des Tages zusammen " Das deckt sich mit dem, was wir am Vormittag beobachten konnten: Innerhalb des Kollegiums herrscht eine herzliche, gelassene, ja freundschaftliche Atmosphäre, die sich auf die SchülerInnen überträgt. Zu dieser Einstellung passt, dass man sich in Dossenheim uneingeschränkt duzt. 

Wieder einmal bestätigt sich, dass ein gutes Team die Basis einer erfolgreichen Schule zu sein scheint. 

Wie man vor allem neu eingestellte Lehrer_innen in ein solches Team integriert, erzählte uns das Schulleitungsteam auch und ihr könnt die Antwort in diesem Video finden:

Kurz nach der Aufnahme des Videos treffen wir uns in der Mensa der LernZeitRäume und stellen uns den Fragen von Lehrer_innen, Eltern und Interessierten. Dabei bekamen wir die Möglichkeit zu erzählen, wie Kreidestaub entstanden ist, wie es zur Bildungsreise kam und was wir auf dieser Reise lernen konnten. Das Ganze gibt es als Video und sieht so aus: