#6 Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule, Göttingen

Lernen heißt Erleben. Alles andere ist Information.

Hatte sich der Abend in Dossenheim schon wie die große Abschlussrunde unseres Abenteuers angefühlt, mit warmen Worten, Gänsehaut und allem, was dazu gehört, so stand uns der eigentliche Schlusspunkt der Reise noch bevor: Die IGS in Göttingen. Also ein letztes Mal Koffer packen, rein in den Wagen, ab auf die Autobahn und mal wieder festgestellt: Die besten Gespräche hat man doch während der Fahrt, wenn sich alles Erlebte mit jedem Kilometer langsam setzt. In Göttingen angekommen fanden wir Unterschlupf bei Funkenfliegerin Julia (http://funkenflug.surrandom.com/blog/), die uns neun Leute selbstlos in ihrer Einzimmerwohnung beherbergte, obwohl sie doch am Morgen in besagter IGS eine Leistungskursklausur bewältigen sollte. Sie belieferte uns mit den wichtigsten Informationen zu ihrer Schule und am nächsten Morgen waren wir bereit für Schule Nummer 6, die letzte unserer Reise. 

Schon von weitem ist das wuchtige Schulgebäude der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule zu erkennen. Erbaut 1975, zu einer Zeit als den Möglichkeiten des Beton keine Grenzen gesetzt schienen, ragt es stoisch in den grauen Himmel. Assoziationen mit einem riesigen Raumschiff oder Ähnlichem sind schnell bei der Hand, doch einmal im Inneren angekommen, hat uns das IGS-Fieber gepackt. 

Wer konnte auch ahnen, dass sich dieses klobige Gebäude auf einmal in eine riesige, weitläufige Halle mit verschiedenen Ebenen verwandelt, in der es sogar wunderbare Ecken zum Verstecken und gemütlichem Beisammensitzen gibt, die eigens für diesen Zweck eingeplant wurden? In der Pause beobachten wir Schüler_innen, die auf Tretrollern und anderem Gerät durch diese Aula flitzen, Spiele aller Art spielen und ganz planmäßig in den kleinen Buchten Ruhe für Zweiergespräche finden. Denn bei einer Gesamtfläche von ca. 22.000m² lassen sich auch bei 1400 Schülern Bewegung und Ruhe problemlos miteinander vereinbaren. Man fühlt sich wohl in Göttingen. 

Wir erfahren, dass sich von 1970 an eine Gruppe, bestehend aus Lehrer_innen, Eltern, Erziehungswissenschaftler_innen, Architekt_innen und Politiker_innen, zusammenfand, die gemeinsam daran arbeitete, ein Schulkonzept zu entwickeln, das sich nicht nur vom herkömmlichen Regelschulmodell unterschied, sondern auch aus den Fehlern der ersten Gesamtschulen lernen wollte. Teil dieses Arbeitsprozesses waren auch Bildungsreisen nach Skandinavien, um von deren Erfahrungen zu profitieren. Wir staunen – nicht unbedingt weil uns das Ergebnis überrascht, sondern weil zu einer solchen interdisziplinären und multiprofessionellen Arbeitssituation heute kaum jemand bereit zu sein scheint. Das ist schade, denn das Modell Göttingen zeigt, dass sich gemeinsames Handeln lohnt. 

Die Architektur spiegelt hier das pädagogische Konzept wider: Die Jahrgänge der Sekundarstufe I sind in sogenannten Clustern angelegt. Das bedeutet, dass sich um einen großen zentralen Gemeinschaftsbereich herum die verschiedenen Klassenräume, Computerräume und Lehrerteamzimmer gruppieren. An der IGS gibt es viele kleine Schulen in einer Schule. Wie an anderen Schulen auf unserer Reise zuvor auch, bleiben alle Schüler_innen hier fünf Jahre bis Klasse zehn zusammen und werden in dieser Zeit auch von einem gleichbleibenden Team aus Lehrer_innen betreut. Diese arbeiten nicht nur in vielerlei Hinsicht eigenverantwortlich, sondern übernehmen auch ganz anders Verantwortung für ihre Schüler. Wie bislang an jeder besuchten Schule heißt auch hier das Zauberwort "Beziehung". Und wofür die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden Wände einreißen musste, wurde in Göttingen um dieses Konzept herum eine ganze Schule gebaut.  

Schulleiter Wolfgang Vogelsaenger stellt uns und anderen Interessierten anhand einer Präsentation seine Schule vor. Als Gemeinschaftsschule werden die Schüler_innen nach einem repräsentativen Querschnitt der Göttinger Bevölkerung aufgenommen, und weil, so Vogelsaenger, die Göttinger besonders schlau seien, nehmen sie etwas weniger Kinder mit Gymnasialempfehlung auf, weil das sonst einfach zu viele seien. Die IGS verzichtet auf eine äußere Fachleistungsdifferenzierung, was zur Folge hat, dass etwa die Hälfte aller Kinder mit Hauptschulempfehlung das Abitur machen.

Eine Besonderheit an dieser Schule ist die Arbeit in sogenannten Tischgruppen. Diese Tischgruppen bestehen aus jeweils sechs Kindern und sind möglichst heterogen zusammengesetzt. Über das Schuljahr verteilt arbeiten sie zusammen an Lösungen und werden zu einer Gemeinschaft von der alle profitieren, sowohl was die soziale als auch die fachliche Kompetenz angeht. Denn an einer Tischgruppe zählt zuerst die gemeinsame und dann die individuelle Leistung der Schüler_innen. 

Im Laufe ihrer Zeit in der Sekundarstufe I saß also jede_r mal mit jedem an einem Tisch. Das Beziehungsgeflecht in den Jahrgangsstufen geht sogar so weit, dass jede und jeder in dieser Tischgruppe über das Schuljahr verteilt einmal die Mitschüler_innen zu sich nach Hause einlädt – inklusive Eltern und Lehrer. An diesen Tischgruppenabenden trifft man sich zum Abendessen, man lernt sich kennen, tauscht sich über Aktuelles aus den Klassen aus und spricht über etwaige Probleme. Laut Wolfgang Vogelsaenger ist diese Art des Austauschs mit den Eltern ein voller Erfolg und wesentlicher Bestandteil des Schulkonzepts, dem sich auch niemand verweigert.

Nach der Präsentation führt uns der stellvertretende Schulleiter Stefan Knapp durch die gesamte Schule – ein Marsch, für den wir mehr als eine Stunde brauchen. Die Vielzahl an verschiedenen Räumen und Nutzungsmöglichkeiten ist hier auch ein Indiz dafür, in welchem Maße die IGS nicht bloß Schule, sondern Lebensraum für die Schüler_innen ist. 

Neben den Fachräumen für Kunst, Naturwissenschaften und Theater gibt es auch: 

  • Eine Schreinerwerkstatt
  • eine Kfz-Werkstatt
  • verschiedene Musikräume
  • die Freizeitzentrale mit Spieleangebot und Ansprechpartnern in Form von Sozialpädagogen
  • eine große Bibliothek
  • eine Großküche
  • einen Billardraum
  • eine Teestube
  • eine Disko
  • ein wirklich echtes kleines Kino. 

Wir wollen sofort einziehen. Vorher dürfen wir uns aber noch länger mit dem stellvertretenden Schulleiter unterhalten und Fragen stellen.

Oberstufe, die Unantastbare?

Schon am Abend zuvor berichtete uns Julia, die nur für die Oberstufe nach Göttingen gezogen ist, von ihrem Leben an der IGS. Sie fühle sich wohl, die Lehrer_innen seien super, allerdings unterscheide sich die Oberstufe gar nicht so sehr von ihrer alten Regelschule. So profitieren die Schüler_innen der Sekundarstufe II zum Beispiel nicht vom Konzept der Tischgruppen, hier wechseln die Lehrkräfte häufiger und mit Hinblick auf das Abitur ist hier größerer Leistungsdruck zu spüren. Diese Beobachtung deckt sich mit unseren bisherigen Erfahrungen auf der Bildungsreise. Kaum eine Schule wagt sich an die Oberstufe, hier scheint die Maxime der in standardisierten Tests prüfbaren Intelligenz noch vorzuherrschen. Was in Grundschule und Sekundarstufe I geschieht, darf vielleicht unkonventionell sein – solange das Abitur dann ohne Probleme absolviert werden kann. Dieser Problematik will sich die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule annähern. Allen hier ist klar, dass der Ausbau der Oberstufe das nächste wichtige Projekt ist, dazu haben ihnen auch die „kritischen Freunde“ vom Netzwerk Blick über den Zaun geraten.

Never change a winning concept?

2011 gewann die IGS Göttingen den Deutschen Schulpreis. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Schule schon viele Auseinandersetzungen mit der Politik auf Kommunal- und Landesebene, vor allem mit dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff, hinter sich. Der Erfolg gab dem Schulkonzept Recht und Christian Wulff, nun Bundespräsident, durfte Vogelsaenger die Trophäe überreichen. 

Die Verleihung des Preises zeigt, dass das Konzept Göttingen in unserer oft öden deutschen Schullandschaft immens innovativ ist, de facto ist es aber schon recht betagt. Wer nach erfolgreicher Schulentwicklung sucht, ist bei der IGS an der falschen Adresse. Hier wird seit über dreißig Jahren kein innovatives Schulkonzept entwickelt, sondern eines verwaltet, das seit über dreißig Jahren so erfolgreich ist, dass noch kein besseres gefunden wurde. Der Kern an sich bedarf nach eigener Aussage keiner kontinuierlichen Verbesserung, von der Entwicklung der Oberstufe einmal abgesehen. 

Das spürt man auch in der Schule, hier wurde seit Jahrzehnten wenig verändert. Generationen von IGSlern haben zum Beispiel in der Werkstatt einen schönen Holzochsen geschnitzt, in manchen Familien kursieren gar drei oder vier von ihnen. Das sei eben das einfachste und beste Motiv, das man ohne Probleme herstellen könne, sagt Stefan Knapp, doch wir fragen uns trotzdem, ob das auf Dauer nicht langweilig wird. 

Von den wenigen Kritikpunkten einmal abgesehen sind es vor allem die Entstehungsgeschichte und die Hartnäckigkeit dieser Schule, die uns beeindrucken. Wie die Schulleiter zuvor sind auch unsere Ansprechpartner hier davon überzeugt, dass man manches „einfach machen“ sollte, ohne darauf zu warten, dass einem Ämter und Behörden grünes Licht schenken. 

Einfach machen – so wie die Gruppe vor dreißig Jahren, die all ihre Expertise zusammenwarf und sich nicht an Unterschieden aufhielt.

Einfach machen – so wie ein Haufen Bildungsbegeisterter, die wussten, dass es mehr als nur Hörsäle gibt und die nun auf zwei lehrreiche Wochen zurückschauen.

Wir treten aus der Schule hinaus ins Freie, um uns dort nach zwei Wochen gemeinsamen Reisens schweren Herzens voneinander zu verabschieden und uns in alle Himmelsrichtungen zu zerstreuen bevor wir uns dann in Berlin an neue Abenteuer wagen. Am Ausgang hängt ein Plakat mit der Aufschrift: „Lernen ist Erleben. Alles andere ist Information.“

Dieser Satz, mit dem sich die IGS von uns verabschiedet, ist auch ein gutes Fazit für unsere Reise.