#4 Helene-Lange-Schule, Wiesbaden

Die Herausforderungen einer Bildungsreise sind vielfältig. 

An diesem Morgen sollten sie daraus bestehen, alles Gepäck mit Tetris -Technik im Kofferraum zu stapeln, sodass dieser sich schließen lässt, dem Berufsverkehr aus dem Weg zu fahren, einen Parkplatz in Schulnähe zu finden - und dann auch noch pünktlich zu sein. Unser Start an der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden war also eher holprig, doch der Empfang dadurch nicht weniger herzlich. In einem Konferenzraum der Schule wartete nicht nur frischer Kaffee auf uns, sondern auch der Schulleiter Eric Woitalla, eine Lehrerin und zwei Herren vom hessischen Kultusministerium, in deren Runde wir Platz nahmen. Diese Art von Aufmerksamkeit gegenüber Hospitanten überraschte uns zunächst, ist aber in dieser Schulkultur nicht außergewöhnlich, sondern selbstverständlich.

Die Helene-Lange-Schule, oder kurz HeLa, gewann 2007 den Deutschen Schulpreis und ist eine der bekanntesten Schulen Deutschlands. Gegründet als reine Mädchenschule im 19. Jahrhundert, wurde sie 1986 unter der Leitung von Enja Riegel zur Gesamtschule. Wände wurden eingerissen, um den Kindern Platz zur Entfaltung zu bieten und um das Vorhaben, eine Schule als Lebensraum zu gestalten, umzusetzen. Gedankenkonstrukte wurden eingerissen, um den Kindern individuelle Förderung zu ermöglichen und endlich das Lernen in Gemeinschaft zu betonen. Dieser Wandel verlief nicht reibungslos: Zur Amtseinführung der neuen Schulleiterin erschien das gesamte Kollegium als Zeichen ihrer Trauer in schwarz. 

Doch diese Tage sind lange vorbei, heute ist die Schule UNESCO – Projektschule und seit einigen Jahren Versuchsschule des Landes Hessens. Eltern müssen mittlerweile Bewerbungen schreiben, um ihr Kind anzumelden, denn es gibt dreimal mehr Bewerber_innen als Plätze. Ca. 800 Neugierigen dient die HeLa pro Jahr als Modell, was erklärt, weshalb selbst die Schüler_innen mediale Aufmerksamkeit gewohnt sind und es perfekt ausgearbeitete Präsentationen für Interessierte wie uns gibt. 

Unter all diesem Glanz bilden aber auch an der Helene-Lange-Schule vor allem gute Beziehungen zwischen den Menschen den Kern des Konzeptes. Jede Jahrgangsstufe besteht zunächst einmal aus Schülerinnen und Schülern mit verschiedenen Leistungsniveaus. Das Gesamtschulkonzept funktioniert hier ohne äußere Leistungsdifferenzierung, das bedeutet, dass Kinder und Jugendliche mit Prognosen für Haupt, - Real, - oder Gymnasialstufe alle in einem Raum zusammen lernen. 

Äußere Differenzierung ist im Allgemeinen keine beliebte Methode an der HeLa, auch Lehrerinnen und Lehrer lehren und lernen gemeinsam. Es existieren Jahrgangsteams, bestehend aus 6-8 Lehrer_innen, die gemeinsam Lernkonzepte und Stundenpläne für das Schuljahr ihrer Gruppen entwickeln. Lehrerinnen und Lehrer leben Beziehungen also auch vor. Ein weiterer Faktor, der die soziale Kompetenz fördert und Problemlösestrategien fordert ist die Tatsache, dass alle Beteiligten eines Jahrgangs, also Schüler_innen und Lehrer_innenteams, von Stufe 5 - 10 nicht getrennt werden. Man muss sich miteinander arrangieren und aneinander wachsen, denn man lebt für eine lange Zeit zusammen. 

Alle Pädagogen und Pädagoginnen, mit denen wir während unserer Hospitation ins Gespräch kamen, schwärmten genau von diesem Umstand: Das Beziehungsgeflecht wird gestärkt und das bewirkt, dass die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen im Unterricht tatsächlich erkennbar und vor allem einschätzbar ist. 

Jeder Jahrgang nennt ein gesamtes Stockwerk sein Reich. Auf einer kompletten Etage richtet sich eine Stufe für zwei Jahre ein. Sie gestaltet den Schülertreff, ein offener Mehrzweckraum, in dem wir uns wie in unserem Wohnzimmer fühlten und Schüler_innen beim Proben von Vorführungen, beim Malen oder Reden beobachten konnten. Nach Ablauf dieser zwei Jahre zieht der gesamte Jahrgang geschlossen in das nächste Stockwerk, wo das Einrichten, Dekorieren und Gestalten von Neuem beginnt. Den Schülerinnen und Schülern obliegt dabei natürlich die Verantwortung, die alten Räumlichkeiten zu streichen und so zu hinterlassen, dass andere dort neu starten können. 

Verantwortung zu übertragen, Selbständigkeit zu wecken und Kreativität zu fördern sind drei Dinge, die uns von der Helene-Lange-Schule besonders im Gedächtnis geblieben sind. So hat die Schule eine Fülle und Bandbreite von Projekten vorzuweisen, die einzeln aufzuzählen zu viel Raum einnehmen würde. Deshalb sei an dieser Stelle das fünfwöchige Theaterprojekt in Klasse neun hervorgehoben. Für diesen Zeitraum findet kein anderer Unterricht statt, die gesamte Stufe setzt sich mit ihrem Stück auseinander, es werden professionelle Kräfte wie Regisseur_innen oder Bühnenbildner_innen angestellt und am Ende der fünf Wochen feiert die ganze Schule die große Aufführung. Der Gedanke dahinter, der sich nach langer Erfahrung als berechtigt herausstellt ist: Wer viel Theater spielt, ist auch besser in Mathematik. Und nicht nur das, denn selbstverständlich lernen die Schüler_innen hier viel über sich selbst, wie man sich präsentiert und als Team zusammenarbeitet. 

Die Helene-Lange-Schule sieht sich nicht nur in der Verantwortung, ihren Schülerinnen und Schülern Fachliches zu vermitteln, sondern auch sogenannte Lebenskompetenz. 

Denn wer fragt nach dem Abschluss schon ernsthaft danach, wie viele Stacheln ein Igel hat? Laut einer Lehrerin der Schule könne man solches Wissen im Notfall irgendwo nachlesen. Die Fähigkeit, mit anderen, ganz unterschiedlichen Menschen gemeinsam ein Problem zu lösen, vor anderen frei sprechen zu können oder schlicht und einfach zu wissen, wie man sich seinen Alltag organisiert, sind jedoch Kompetenzen, die zwar schwerer aber viel relevanter zu erlernen sind als andere.

Auch für solche Fragen ist Platz in der HeLa. Wer eine Antwort hat, pinnt sie darunter.

Auch für solche Fragen ist Platz in der HeLa. Wer eine Antwort hat, pinnt sie darunter.

Auf Basis dieser Einsicht wurden verschiedene Praktika konzipiert, um Schülerinnen und Schüler auf die Welt außerhalb der Schule, die ja durchaus real ist und unweigerlich auf sie zukommen wird, vorzubereiten. 

So gibt es in Klasse zehn das Sozialpraktikum. Neben der Möglichkeit sich eine Praktikumsstelle zu suchen, besteht eine Partnerschaft mit der Stadt Görlitz, sodass dieses Praktikum im Idealfall dort in einem „Lerndorf“ absolviert wird. Schülerinnen und Schüler, die sich sonst nur in der Schule begegnen, wohnen in Görlitz gemeinsam und müssen ihren Alltag miteinander gestalten und bestreiten. Ein anderes Praktikum, das uns beeindruckt hat, ist das sogenannte „Jung und Alt“ Projekt, bei dem Schüler_innen sich über einen längeren Zeitraum regelmäßig mit einer älteren Person in ihrer Umgebung treffen, Zeit miteinander verbringen, für diese Person einkaufen gehen - Beziehung aufbauen. Für die Phase dieses Praktikums fällt der Religionsunterricht aus, denn wozu hypothetische über Nächstenliebe reden, wenn man sie auch praktizieren kann? 

„Entschulung“ ist ein Konzept, das die HeLa in nächster Zeit in Angriff nehmen möchte: In Klasse 8 für ein halbes Jahr raus aus der Schule, Leben in seiner praktischen Form kennenlernen, und dann mit neuem Elan weitermachen. Die einzige Frage, die der Schulleitung dabei noch Sorgen macht, ist der allgemeine Leistungsstandart, auf dem sich alle Achtklässler am Ende eines Schuljahres - laut Kultusministerium - befinden sollten.

Uns hat die Art der Helene-Lange-Schule mit Wissen, Lernen und Lebenswirklichkeit umzugehen, überzeugt. Sie stellt die Frage nach dem Sinn und der Aufgabe von Schule heutzutage neu: 
Bereiten wir Kinder uneingeschränkt auf einen Universitätsabschluss vor oder geben wir ihnen die Möglichkeit, sich tatsächlich frei zu entwickeln, selbst zu entscheiden und dabei optimal auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein?

Das Menschenbild einer Schule auf einem A4-Blatt. 

Das Menschenbild einer Schule auf einem A4-Blatt. 

Wie wir alle in diesem Konferenzraum sitzen, der Powerpoint-Präsentation folgen und Schulleiter Eric Woitalla uns die neuen Gedanken zum Qualitätsmanagement erklärt, können wir uns dem Eindruck nicht erwehren, in der Vorstandssitzung eines großen Unternehmens gelandet zu sein. All die Projekte, Praktika, Fahrten, Feiern, die Konzepte und Strategien wollen verwaltet, weiterentwickelt und gesichert werden. Man erklärt uns, dass bei all dem Mehraufwand, den eine Regelschule nicht betreiben muss, eigentlich Fachkräfte zum Beispiel für Verwaltung dringend gebraucht würden. Doch dafür darf die Schule kein Geld ausgeben. Es ist nur erlaubt, Lehrerinnen und Lehrer anzustellen, die dann zwangsläufig alle Aufgaben erledigen müssen. 

Ein multiprofessionelles Team wäre an dieser Schule ein wahrer Segen - stattdessen muss man hier auf multiprofessionelle Lehrkräfte bauen, die aber natürlich nicht besser bezahlt werden können. Eine Lehrerin äußert sich dahingehend auch wehmütig, denn es bliebe ihnen bei all den Meetings und Entwicklungen kaum genug Zeit für das Kerngeschäft: Unterricht, Schüler_innen, Beziehung. 

Der Status einer Versuchsschule bringt also viele Vorteile mit sich, doch wir lernen auf unserer Reise auch, dass dieser Modellschulcharakter oft verhindert, dass diese guten, funktionierenden Konzepte in die Breite gehen. Die HeLa ist eine herausragende Schule, doch in ihrer Region die einzige ihrer Art - wir fragen uns weshalb das so ist. Vielleicht, weil sich die Art und Weise wie Schule in diesem Land konzipiert, unterstützt und gelebt wird dann von Grund auf neu gedacht werden müsste?

Wir verlassen Wiesbaden mit Köpfen voller Ideen und Eindrücke und ganz neuen Fragen. Ein Ausschnitt aus dem Interview mit dem Schulleiter bekommt ihr im folgenden Video zu sehen: