Hallo und Herzlich Willkommen!

Im März wird Deutschlands Schullandschaft aufgemischt. Unser Team wird innerhalb von zwei Wochen 6 Schulen besuchen, die den Ruf haben, eine gute Schule zu sein. Von Rostock über Kassel, Bielefeld, Mannheim, Freiburg und Fürth machen sich 11 Studierende aus den Bereichen Erziehungswissenschaften, Soziologie und dem guten alten Lehramt auf den Weg, das Geheimnis ewiger Bildungsglückseligkeit zu erforschen. Es ist ein Leichtes, sich über bestehende Verhältnisse in Klassenzimmern oder Hörsälen zu beklagen, leider wird das allein keine Veränderung herbeiführen. Und wir wissen: Es gibt zukunftsweisende und inspirierende Lernorte auch in Deutschland. Dort ist man allerdings meist zu sehr damit beschäftigt, einen guten Job zu machen, als sich aktiv mit Bildungspolitik auseinanderzusetzen. Deshalb fahren wir zu diesen Orten, um zu lernen, Visionen zu entwickeln und zu verstehen wie Schule gelingen kann. Unser Ziel ist nichts weniger, als die Wende der Lehramtsausbildung zu sein. 

Das ist ein großes Ziel und deshalb brauchen wir euch - denn wir organisieren uns zu 100% selbst. 

Damit unsere Reise überhaupt erfolgreich stattfindet, könnt ihr uns finanziell unterstützen, denn wir müssen Sprit, Verpflegung und Materialien irgendwie bezahlen und werden wahrscheinlich nicht so viel Zeit für Konzerte in der Fußgängerzone haben...

Darüber hinaus helft ihr uns ungemein, wenn ihr einfach ab und zu diesen Blog (oder den unserer Freunde, die zur selben Zeit genau das gleich machen) besucht und die Inhalte mit anderen teilt, denn hier werden alle Erlebnisse, Berichte und Erkenntnisse dokumentiert und serviert - spread the word! 

Fragen an das Lehramtsstudium

Ein Debattenbeitrag von Betroffenen

“Wir nehmen nicht die Lehrer mit den besten Noten und erst recht keine Fachidioten”, sagt Angelika Knies, Schulleiterin der Gemeinschaftsschule in Bargteheide, die 2013 den Deutschen Schulpreis gewonnen hat. „Ich suche nach Leuten, die Visionen haben, wie man eine gute Schule machen könnte.“ Dieses Credo zahlt sich an der Anne-Frank-Schule Bargteheide aus. Sie besticht nicht nur durch konzeptionelle Besonderheiten, sondern vor allem durch ihre motivierten LehrerInnen und deren guten Draht zur Schülerschaft. Neue Gesichter für das Kollegium zu finden, ist für das Schulleitungsteam jedoch immer wieder eine große Herausforderung. Wer frisch von der Universität kommt, ist im Regelfall nicht auf das vorbereitet, was man in Bargteheide unter einer guten Schule versteht. Doch was ist das eigentlich, eine “gute Schule”?

In Bargteheide erreicht man überdurchschnittlich gute Resultate. Hauptschul-, Realschul- und Gymnasialempfohlene sitzen zu gleichen Teilen im selben Klassenzimmer und lernen miteinander. Gleichzeitig wird niemand zurückgelassen: Seit 16 Jahren hat keine SchülerIn die Schule ohne Abschluss verlassen. Die Meisten erreichen bessere Abschlüsse, als ihre Schulempfehlung prophezeit. Das ist gut.

Warum lernen wir nicht an Vorbildern und erforschen, was eine gute Schule ausmacht?

Auf der Suche nach solchen und anderen gelungenen Lernorten haben wir uns im September 2013 für zwei Wochen auf eine Reise durch Deutschland gemacht. Wir wollten ihrem Geheimnis auf die Spur kommen. Wir, das ist eine Gruppe von Studierenden aus Berlin, die sich Kreidestaub nennt. Gibt es sie wirklich, diese guten Schulen? Gelungene Lernorte, an welchen Versagensangst und Ausgrenzung Fremdwörter sind und stattdessen die Freude am Lernen und das Miteinander im Vordergrund stehen? Schulen, in denen man Leistung keinesfalls negiert, aber auch ohne Drill eine breite Leistungsspitze erreicht? Uns beschäftigen diese Fragen. Und weil wir in der Universität nicht den Raum bekommen, ihnen wirklich nachzugehen, machten wir uns selbst auf den Weg. Wir haben Erstaunliches gesehen und gelernt. Mehr sogar als in den Jahren des Studiums, so fühlt es sich manchmal an. In den Schulen konnten wir die Atmosphäre erleben und den Akteuren begegnen. Wir haben viele Gespräche geführt und kritische Fragen gestellt. Wir konnten unsere Erfahrungen evaluieren und verschiedene Konzepte vergleichen. In der Universität wurde die bestehende Schule kaum hinterfragt. Über Schulsysteme wurde nicht gelehrt und auch nicht nachgedacht. Von erfolgreicher Praxis hörten wir Nichts. Die Reise aber hat unser Bild von Schule erweitert, unser Wissen fundiert. Heute könnten wir der Schulleiterin in Bargteheide differenziert antworten, wenn sie nach unseren Visionen von Schule fragt. Warum sind solche Lernreisen nicht fester Bestandteil eines jeden Lehramtsstudiums?

Warum sind Bildungsforschung, Pädagogik und Psychologie Randerscheinungen?

Wir kommen aus Berlin. Unser Hochschulgesetz sieht für AnwärterInnen auf das Lehramt einen sogenannten ‘Bachelor mit Lehramtsoption’, einen ’Master of Education’ und ein 18-monatiges Referendariat vor. Während des Bachelors werden hauptsächlich die beiden Fachwissenschaften studiert, die man später unterrichten möchte. Für sie müssen 150 Studienpunkte erbracht werden. Zusätzlich, mit 30 Studienpunkten bedacht, sind die “Lehramtsbezogenen Berufswissenschaften”, dahinter verbirgt sich eine Vorlesung zur ‘Einführung in die Erziehungswissenschaft’, die Vorlesung ‘Deutsch als Zweitsprache’, ein bisschen Fachdidaktik und das einzige vierwöchige Praktikum der Bachelorphase, in dem wir selbst Unterricht nur ‘beobachten’. Zumindest für angehende GymnasiallehrerInnen ist der Ablauf der ersten drei bis vier Studienjahre auch andernorts meist ähnlich. Erstmalig im Master unterrichten wir selbst ein paar Stunden und können uns in anleitender Funktion erleben.

Unser Gefühl sagt uns: Das ist zu viel des reinen Fachstudiums und zu wenig Bezug zur Schulwelt. Es ist zu wenig des Erlernens von zeitgemäßen Unterrichts- und Kommunikationsmethoden, von Stimmübungen, Konfliktlösung und Elternarbeit. Es ist zu wenig Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Lernen überhaupt. Vor Allem aber ist es zu wenig Erfahren, zu wenig Umsetzung der Theorie, sei sie nun pädagogischer oder fachlicher Natur.

Wie können wir unser Fachwissen für SchülerInnen wirksam machen?

Der zentrale Baustein unserer Lehramtsausbildung ist das Fachwissen. Doch ist es am Ende so entscheidend? Nach unserer Erfahrung gab es zu Schulzeiten immer wieder auch LehrerInnen, bei denen kaum jemand etwas lernte. Die Einen konnte man wegen ihres mangelhaften Fachwissens kaum ernst nehmen, die Anderen schafften es trotz schier unerschöpflicher Wissensvorräte nicht, dass der Funke übersprang. Und dann wiederum gab es Lehrerpersönlichkeiten, die auch ohne den Habitus eines universalgelehrten Oberstudienrates fruchtbaren Unterricht machten und uns zu fachlichen Höhenflügen anstachelten.

Diese ambivalenten Beobachtungen werden auch von der vielbeachteten Meta-Studie “Visible Learning” des Neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie gestützt: Nach seinen Erkenntnissen ist das Fachwissen der Lehrkraft für den Lernerfolg der SchülerInnen tatsächlich kaum entscheidend (Effektstärke 0.09). Die ‘Hattie-Studie’, welche auf über 50.000 Einzelstudien und 83 Mio SchülerInnen basiert, untersucht, welche Faktoren das schulische Lernen wie stark beeinflussen. Bezüglich des Fachwissens betont Hattie: „That doesn’t mean we should ignore it. We need to understand why it doesn’t matter, so that we can make it matter.”. (Sinngemäß: “Wir sollten Fachwissen deshalb nicht ignorieren, sondern versuchen zu verstehen, warum es wenig Einfluss hat, damit wir es einflussreich machen können.”) Zuerst sollte die Frage also sein, wie wir Fachwissen in wirksame Lernerfolge übersetzen und erst danach, wie viel wir davon eigentlich brauchen. So kommt auch die ‘fachwissenschaftlich orientierte Lehramtsausbildung’ - unsere Ausbildung - in Hatties Studie nur auf den sehr geringen Effektwert von 0.12. Auch hier argumentiert er: „That doesn’t mean, that we should ignore teacher education, that means we need to get it right” (Sinngemäß: “Wir sollten deshalb nicht die Lehramtsausbildung ignorieren, sondern wir müssen sie richtig machen.”) Aber wie macht man die Lehramtsausbildung ‘richtig’? Einen signifikanten Effekt auf den Lernerfolg der SchülerInnen hat nach Hatties Erkenntnissen die ‘Fort- und Weiterbildung von LehrerInnen’ (0.62). Spricht das nicht für „learning on the job“? Wäre es dann nicht konsequent, von Beginn an Theorie und reflektierte Praxis immer wieder zu verbinden? Weil es offenbar tatsächlich einen Unterschied macht?

Warum werden wir also in der Universität fast ausschließlich mit fachwissenschaftlichen Inhalten beschäftigt? Sollten wir nicht genauso lernen, wie man Beziehungen authentisch gestaltet? Müssen LehrerInnen nicht auch Experten für Beratung und Gruppenkommunikation sein?

“Halt, Stopp!”, denken manche, “Die Fachlichkeit des Gymnasiums steht auf dem Spiel!”. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Wir wollen der Fachwissenschaft nicht ihre Berechtigung im Studium absprechen - ganz im Gegenteil. Wir lieben unsere Fächer. Und doch plädieren wir für eine neue Professionalisierung des Überfachlichen. Manch einer mag argumentieren, dass eine persönlichkeitsorientiertere, praxisnähere Gestaltung der ersten Ausbildungsphase die akademische Qualität des Studiums beeinträchtige. Wir glauben das nicht. Wir sind fest davon überzeugt, dass erziehungswissenschaftliche, fachdidaktische und lernpsychologische Theorien durch die Verknüpfung mit echten Erfahrungen an Wert gewinnen. Auch wenn es paradox klingt: Wir wollen die Theorie aufwerten, durch mehr Praktisches! Dies kann funktionieren, weil unsere Studieninhalte erst vor dem Hintergrund von eigener Erfahrung einen lebensweltlichen Bezug, einen persönlich bedeutsamen Sinnkontext erhalten.

Klar ist: Wir können nicht alles wissen, auch nicht in unserem Fach. Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass wir spätestens mit dem Einzug internetfähiger Smartphones in die Klassenzimmer das Wissensmonopol ohnehin verloren haben. Worauf kommt es also stattdessen an? Was müssen junge Leute heutzutage überhaupt noch Lernen? Und was nicht?

Was brauchen junge Menschen, um in der Welt von Morgen zu bestehen?

Diese Frage zu stellen finden wir notwendig. Es gäbe darauf bestimmt mehrere richtige und wichtige Antworten. Wir beanspruchen nicht, die Antwort zu kennen. Bedenklich finden wir, dass in unserem Lehramtsstudium nicht darüber diskutiert wurde. Wir können die Zukunft nicht voraussagen. Wir wissen nicht, welche Jobs unsere SchülerInnen einmal gehabt haben werden, wenn sie 2075 in Rente gehen. Werden sie überhaupt in Rente gehen? Wie wird sich die Lebens- und Arbeitswelt wandeln? Welche Fähigkeiten des Menschen lassen sich auch mit dem komplexesten Algorithmus nicht nach-programmieren und weg-rationalisieren? Haben diese Fragen nicht auch etwas mit Schule zu tun? Was soll ich denn nun vermitteln, wenn das einzig Sichere die Unsicherheit der Zukunft ist? Die OECD formuliert als Antwort die vier K’s: Kommunikation, Kreativität, Kollaboration und Kritisches Denken. Und auch das ist wieder nur eine mögliche Antwort. Schade, dass wir in der Uni nie an unserer Eigenen gearbeitet haben.

Warum werden wir Studierenden nicht ’da abgeholt wo wir stehen’?

“Schüler haben ein Anrecht auf erwachsen-gewordene Erwachsene.”, sagt Bildungsjournalist und Erziehungswissenschaftler Reinhard Kahl und meint, dass ein erfolgreiches Lehrerdasein ein hohes Maß an Reflexion des eigenen Handelns und der eigenen (Lern-)Biographie voraussetzt. Wie ist es um die Selbstreflexion bestellt? Habe ich im Studium von Anderen ein Feedback darüber bekommen, wie ich vor Gruppen wirke? Kann ich mich durchsetzen ohne geringschätzend zu sein? Habe ich mein Auftreten mal auf Video gesehen und analysiert? Habe ich mich in unterschiedlichen pädagogischen Rollen ausprobiert? Hat man mich schon an meine persönlichen Grenzen geführt und mich hinterher wieder aufgefangen? Wann wurde ich im Studium mal “da abgeholt wo ich stand”? So verlangt es doch die bekannte Floskel von uns: Wir sollen SchülerInnen “da abholen, wo sie stehen”. Aber wie sollen wir das bei Anderen schaffen, wenn wir es selbst nie erlebt haben?

Ein Plädoyer für die Entschlossenen!

Noch ist unser Studiengang an den Unentschlossenen ausgerichtet: Ein bequemes Wechseln ist jederzeit möglich, das Fachstudium kommt kaum mit didaktischen Inhalten in Berührung - es besteht ja nur eine “Lehramtsoption”. Doch was wäre, wenn das Studium für die Entschlossenen unter uns wie gemacht wäre? Wenn es sich wie ein Pendel im Dreieck von Erfahrung, Reflexion und Wissenschaft bewegt? Was, wenn wir die besten Schulen der Welt vor Augen hätten und von Beginn an unsere ganze Person auf den Lehrerberuf vorbereitet würde, nicht nur unser Wissensspeicher? Auch die Unentschlossenen wüssten dann besser, woran sie sind.

Dann würden wir womöglich eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit einer elementaren Frage erleben: “Was brauchen wir als angehende LehrerInnen, damit Schulen erfolgreich und SchülerInnen dort glücklich werden?”. Wir finden, unser derzeitiges Studium ist auf diese Frage nicht die beste Antwort.

Bezeichnenderweise werden an vielen Schulen, die wir besucht haben, neue LehrerInnen zuerst danach beurteilt, was sie neben dem Studium gemacht haben. Weshalb? Nicht unbedingt, weil die Inhalte des Studiums schlecht sind, sondern vielmehr weil offenbar entscheidende Aspekte fehlen. Oder wie es ein Schulleiter auf unserer Reise ausdrückte: “Ein guter Lehrer wird man nicht durch Bücherlesen. Immer wenn ich etwas lese, will ich mir das auch angucken.” Wir haben es uns angeguckt. Durch die Reflexion der erfolgreichen Praxis an verschiedenen Lernorten konnten wir unsere eigene Vision von Schule (weiter)entwickeln. Und manche von uns haben den Entschluss, LehrerIn zu werden, neu und mit einem besseren Verständnis gefasst.

Zur Nachahmung können wir nur dringend ermutigen!

#6 Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule, Göttingen

Lernen heißt Erleben. Alles andere ist Information.

Hatte sich der Abend in Dossenheim schon wie die große Abschlussrunde unseres Abenteuers angefühlt, mit warmen Worten, Gänsehaut und allem, was dazu gehört, so stand uns der eigentliche Schlusspunkt der Reise noch bevor: Die IGS in Göttingen. Also ein letztes Mal Koffer packen, rein in den Wagen, ab auf die Autobahn und mal wieder festgestellt: Die besten Gespräche hat man doch während der Fahrt, wenn sich alles Erlebte mit jedem Kilometer langsam setzt. In Göttingen angekommen fanden wir Unterschlupf bei Funkenfliegerin Julia (http://funkenflug.surrandom.com/blog/), die uns neun Leute selbstlos in ihrer Einzimmerwohnung beherbergte, obwohl sie doch am Morgen in besagter IGS eine Leistungskursklausur bewältigen sollte. Sie belieferte uns mit den wichtigsten Informationen zu ihrer Schule und am nächsten Morgen waren wir bereit für Schule Nummer 6, die letzte unserer Reise. 

Schon von weitem ist das wuchtige Schulgebäude der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule zu erkennen. Erbaut 1975, zu einer Zeit als den Möglichkeiten des Beton keine Grenzen gesetzt schienen, ragt es stoisch in den grauen Himmel. Assoziationen mit einem riesigen Raumschiff oder Ähnlichem sind schnell bei der Hand, doch einmal im Inneren angekommen, hat uns das IGS-Fieber gepackt. 

Wer konnte auch ahnen, dass sich dieses klobige Gebäude auf einmal in eine riesige, weitläufige Halle mit verschiedenen Ebenen verwandelt, in der es sogar wunderbare Ecken zum Verstecken und gemütlichem Beisammensitzen gibt, die eigens für diesen Zweck eingeplant wurden? In der Pause beobachten wir Schüler_innen, die auf Tretrollern und anderem Gerät durch diese Aula flitzen, Spiele aller Art spielen und ganz planmäßig in den kleinen Buchten Ruhe für Zweiergespräche finden. Denn bei einer Gesamtfläche von ca. 22.000m² lassen sich auch bei 1400 Schülern Bewegung und Ruhe problemlos miteinander vereinbaren. Man fühlt sich wohl in Göttingen. 

Wir erfahren, dass sich von 1970 an eine Gruppe, bestehend aus Lehrer_innen, Eltern, Erziehungswissenschaftler_innen, Architekt_innen und Politiker_innen, zusammenfand, die gemeinsam daran arbeitete, ein Schulkonzept zu entwickeln, das sich nicht nur vom herkömmlichen Regelschulmodell unterschied, sondern auch aus den Fehlern der ersten Gesamtschulen lernen wollte. Teil dieses Arbeitsprozesses waren auch Bildungsreisen nach Skandinavien, um von deren Erfahrungen zu profitieren. Wir staunen – nicht unbedingt weil uns das Ergebnis überrascht, sondern weil zu einer solchen interdisziplinären und multiprofessionellen Arbeitssituation heute kaum jemand bereit zu sein scheint. Das ist schade, denn das Modell Göttingen zeigt, dass sich gemeinsames Handeln lohnt. 

Die Architektur spiegelt hier das pädagogische Konzept wider: Die Jahrgänge der Sekundarstufe I sind in sogenannten Clustern angelegt. Das bedeutet, dass sich um einen großen zentralen Gemeinschaftsbereich herum die verschiedenen Klassenräume, Computerräume und Lehrerteamzimmer gruppieren. An der IGS gibt es viele kleine Schulen in einer Schule. Wie an anderen Schulen auf unserer Reise zuvor auch, bleiben alle Schüler_innen hier fünf Jahre bis Klasse zehn zusammen und werden in dieser Zeit auch von einem gleichbleibenden Team aus Lehrer_innen betreut. Diese arbeiten nicht nur in vielerlei Hinsicht eigenverantwortlich, sondern übernehmen auch ganz anders Verantwortung für ihre Schüler. Wie bislang an jeder besuchten Schule heißt auch hier das Zauberwort "Beziehung". Und wofür die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden Wände einreißen musste, wurde in Göttingen um dieses Konzept herum eine ganze Schule gebaut.  

Schulleiter Wolfgang Vogelsaenger stellt uns und anderen Interessierten anhand einer Präsentation seine Schule vor. Als Gemeinschaftsschule werden die Schüler_innen nach einem repräsentativen Querschnitt der Göttinger Bevölkerung aufgenommen, und weil, so Vogelsaenger, die Göttinger besonders schlau seien, nehmen sie etwas weniger Kinder mit Gymnasialempfehlung auf, weil das sonst einfach zu viele seien. Die IGS verzichtet auf eine äußere Fachleistungsdifferenzierung, was zur Folge hat, dass etwa die Hälfte aller Kinder mit Hauptschulempfehlung das Abitur machen.

Eine Besonderheit an dieser Schule ist die Arbeit in sogenannten Tischgruppen. Diese Tischgruppen bestehen aus jeweils sechs Kindern und sind möglichst heterogen zusammengesetzt. Über das Schuljahr verteilt arbeiten sie zusammen an Lösungen und werden zu einer Gemeinschaft von der alle profitieren, sowohl was die soziale als auch die fachliche Kompetenz angeht. Denn an einer Tischgruppe zählt zuerst die gemeinsame und dann die individuelle Leistung der Schüler_innen. 

Im Laufe ihrer Zeit in der Sekundarstufe I saß also jede_r mal mit jedem an einem Tisch. Das Beziehungsgeflecht in den Jahrgangsstufen geht sogar so weit, dass jede und jeder in dieser Tischgruppe über das Schuljahr verteilt einmal die Mitschüler_innen zu sich nach Hause einlädt – inklusive Eltern und Lehrer. An diesen Tischgruppenabenden trifft man sich zum Abendessen, man lernt sich kennen, tauscht sich über Aktuelles aus den Klassen aus und spricht über etwaige Probleme. Laut Wolfgang Vogelsaenger ist diese Art des Austauschs mit den Eltern ein voller Erfolg und wesentlicher Bestandteil des Schulkonzepts, dem sich auch niemand verweigert.

Nach der Präsentation führt uns der stellvertretende Schulleiter Stefan Knapp durch die gesamte Schule – ein Marsch, für den wir mehr als eine Stunde brauchen. Die Vielzahl an verschiedenen Räumen und Nutzungsmöglichkeiten ist hier auch ein Indiz dafür, in welchem Maße die IGS nicht bloß Schule, sondern Lebensraum für die Schüler_innen ist. 

Neben den Fachräumen für Kunst, Naturwissenschaften und Theater gibt es auch: 

  • Eine Schreinerwerkstatt
  • eine Kfz-Werkstatt
  • verschiedene Musikräume
  • die Freizeitzentrale mit Spieleangebot und Ansprechpartnern in Form von Sozialpädagogen
  • eine große Bibliothek
  • eine Großküche
  • einen Billardraum
  • eine Teestube
  • eine Disko
  • ein wirklich echtes kleines Kino. 

Wir wollen sofort einziehen. Vorher dürfen wir uns aber noch länger mit dem stellvertretenden Schulleiter unterhalten und Fragen stellen.

Oberstufe, die Unantastbare?

Schon am Abend zuvor berichtete uns Julia, die nur für die Oberstufe nach Göttingen gezogen ist, von ihrem Leben an der IGS. Sie fühle sich wohl, die Lehrer_innen seien super, allerdings unterscheide sich die Oberstufe gar nicht so sehr von ihrer alten Regelschule. So profitieren die Schüler_innen der Sekundarstufe II zum Beispiel nicht vom Konzept der Tischgruppen, hier wechseln die Lehrkräfte häufiger und mit Hinblick auf das Abitur ist hier größerer Leistungsdruck zu spüren. Diese Beobachtung deckt sich mit unseren bisherigen Erfahrungen auf der Bildungsreise. Kaum eine Schule wagt sich an die Oberstufe, hier scheint die Maxime der in standardisierten Tests prüfbaren Intelligenz noch vorzuherrschen. Was in Grundschule und Sekundarstufe I geschieht, darf vielleicht unkonventionell sein – solange das Abitur dann ohne Probleme absolviert werden kann. Dieser Problematik will sich die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule annähern. Allen hier ist klar, dass der Ausbau der Oberstufe das nächste wichtige Projekt ist, dazu haben ihnen auch die „kritischen Freunde“ vom Netzwerk Blick über den Zaun geraten.

Never change a winning concept?

2011 gewann die IGS Göttingen den Deutschen Schulpreis. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Schule schon viele Auseinandersetzungen mit der Politik auf Kommunal- und Landesebene, vor allem mit dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff, hinter sich. Der Erfolg gab dem Schulkonzept Recht und Christian Wulff, nun Bundespräsident, durfte Vogelsaenger die Trophäe überreichen. 

Die Verleihung des Preises zeigt, dass das Konzept Göttingen in unserer oft öden deutschen Schullandschaft immens innovativ ist, de facto ist es aber schon recht betagt. Wer nach erfolgreicher Schulentwicklung sucht, ist bei der IGS an der falschen Adresse. Hier wird seit über dreißig Jahren kein innovatives Schulkonzept entwickelt, sondern eines verwaltet, das seit über dreißig Jahren so erfolgreich ist, dass noch kein besseres gefunden wurde. Der Kern an sich bedarf nach eigener Aussage keiner kontinuierlichen Verbesserung, von der Entwicklung der Oberstufe einmal abgesehen. 

Das spürt man auch in der Schule, hier wurde seit Jahrzehnten wenig verändert. Generationen von IGSlern haben zum Beispiel in der Werkstatt einen schönen Holzochsen geschnitzt, in manchen Familien kursieren gar drei oder vier von ihnen. Das sei eben das einfachste und beste Motiv, das man ohne Probleme herstellen könne, sagt Stefan Knapp, doch wir fragen uns trotzdem, ob das auf Dauer nicht langweilig wird. 

Von den wenigen Kritikpunkten einmal abgesehen sind es vor allem die Entstehungsgeschichte und die Hartnäckigkeit dieser Schule, die uns beeindrucken. Wie die Schulleiter zuvor sind auch unsere Ansprechpartner hier davon überzeugt, dass man manches „einfach machen“ sollte, ohne darauf zu warten, dass einem Ämter und Behörden grünes Licht schenken. 

Einfach machen – so wie die Gruppe vor dreißig Jahren, die all ihre Expertise zusammenwarf und sich nicht an Unterschieden aufhielt.

Einfach machen – so wie ein Haufen Bildungsbegeisterter, die wussten, dass es mehr als nur Hörsäle gibt und die nun auf zwei lehrreiche Wochen zurückschauen.

Wir treten aus der Schule hinaus ins Freie, um uns dort nach zwei Wochen gemeinsamen Reisens schweren Herzens voneinander zu verabschieden und uns in alle Himmelsrichtungen zu zerstreuen bevor wir uns dann in Berlin an neue Abenteuer wagen. Am Ausgang hängt ein Plakat mit der Aufschrift: „Lernen ist Erleben. Alles andere ist Information.“

Dieser Satz, mit dem sich die IGS von uns verabschiedet, ist auch ein gutes Fazit für unsere Reise.

#5 LernZeitRäume, Dossenheim

"Wir sind eine lernende Schule"

Noch während wir unsere Reise planten, bekamen wir die dringende Empfehlung, die Freie Schule LernZeitRäume in Heidelberg-Dossenheim zu besuchen. Sie war uns bis dato völlig unbekannt, doch allein der Name klang so verlockend, dass diese Schule auf unserer Route eingeplant wurde. Von Wiesbaden aus machten wir uns also auf den Weg Richtung Süden, um das Geheimnis zu lüften. 

Die LernZeitRäume befinden sich in einem unscheinbaren Wohn-/ Bürogebäude - auf den ersten Blick kein besonders inspirierender Lernort. Mit dem zweiten und dritten Blick wird uns aber klar, dass der Raum hier wichtiger Pädagoge ist. Alle ziehen hier bei Betreten des Schulgebäudes die Straßenschuhe aus und die Hausschuhe an, alle Räume sind mit Teppichboden ausgelegt. Das Lehrerzimmer gleicht eher einem Terrarium, durch eine Glaswand hat man genauen Einblick, außerdem ist der Zugang hier nicht auf Lehrpersonal beschränkt: Während wir uns alle in den kleinen Raum zwängen, Kaffee trinken und uns mit den Pädagogen und Pädagoginnen unterhalten, kommen immer wieder Schüler_innen mit kleinen und großen Sorgen und finden Gehör.

Die Klassenräume selbst laden ebenfalls zum Verweilen ein. Hier steht nicht Stuhlreihe hinter Stuhlreihe und vorne eine Lehrkraft an der Tafel, im Gegenteil: Im Geographieunterricht haben es sich einige Schüler auf Sesseln und einem Sofa bequem gemacht und andere sitzen ganz klassisch an Tischen, die Anordnung ist aber eher die eines Kreises, in dessen Mitte der Lehrer etwas zum Thema Ökosysteme erklärt. Er tut das auf Englisch, denn das ist seine Muttersprache und bilingualer Unterricht in dieser Form gehört zum Konzept der LernzeitRäume. (Dabei wird er von einer weiteren Lehrerin unterstützt, die im Falle des Falles auch auf deutsch übersetzen könnte.) Die ganze Unterrichtssituation entspricht alles in allem eher einem Gespräch auf Augenhöhe. Dieses Gespräch (im Übrigen wichtiger Bestandteil des Jenaplans) schlängelt sich im Laufe der Stunde von philosophischen über sozialpolitische Themen bis hin zur Biologie und Geographie. Die Teilhabe am Unterricht führt bei uns zu spontanen Begeisterungsausbrüchen und dem Wunsch, sich zu Hause in alten Biologieordnern zu vergraben. Unser Fazit: Guter Unterricht. 

Aber Unterricht ist hier nicht alles. Angelehnt an die Pädagogik Freinets gibt es hier verschiedene Ateliers, wie eine Druckerei oder eine Holzwerkstatt. Leider können wir sie bei unserem Besuch nicht besichtigen, da ein Hochwasser die Räume unbegehbar gemacht hat. 

In dieser Schule hört das Lernen aber nicht auf, wo die Mauern des Gebäudes stehen oder der Gartenzaun das Gelände umringt. Wo die Raumkapazitäten nicht ausreichen, wird der Raum des Begriffs "Schule" radikal erweitert. So findet Lernen hier nicht nur im Schulgebäude statt, sondern auch an kooperierenden Orten, wie dem Schwimmbad um die Ecke, dem Ruderclub der Stadt oder dem Chemieunternehmen gegenüber. Die Schule öffnet sich in alle Richtungen. Es gibt Kooperationspartnerschaften mit der Pädagogischen Hochschule und der Uni in Heidelberg. An der Schule gibt es dadurch immer wieder kleine Forschungsprojekte, aber auch die Lehrer_innen der Schule sind teilweise Dozierende.

Durch diese Netzwerke bleibt die Schule wirklich am Puls der Zeit und lebt ihren Schüler_innen vor, dass Lernen und Bildung nicht nur eitler Selbstzweck der Institution Schule ist, sondern tatsächlich einen Bezug zum "wahren" Leben haben kann und muss. 

Im Jahr 2005 wurde der Trägerverein durch eine Elterninitiative gegründet. Seit 2006 gibt es die staatliche Genehmigung für die Grundschule. Es folgte die Genehmigung der Realschule und 2012 auch die Genehmigung für  das Aufbaugymnasium. An dieser Schule kann man also von der ersten Klasse an lernen und bis zu seinem individuell besten Abschluss zusammen bleiben. Das allein wäre schon eine wesentliche Besonderheit gegenüber konventionellen Schulen, doch das ist erst der Anfang. Die LernZeitRäume haben es sich als Ziel gesetzt, die beiden Konzepte des Jenaplan 21 und Freinets zu verbinden und damit eine optimale Symbiose geschaffen. 

Gemäß des Jenaplans lernen in den Klassen je drei Jahrgänge gemeinsam, was ein großer Vorteil gegenüber dem Konzept des zweigliedrigen jahrgangsübergreifenden Lernens ist, denn bei drei Stufen können die Schüler_innen langsamer und natürlicher in die Rolle der "Großen" wachsen. Außerdem bestimmen die vier Säulen des Jenaplan den Schulalltag: Gespräch, Spiel, Arbeit und Feier. Da diesem Konzept aber der Aspekt der Erziehung zur Demokratie fehlte, ergänzt man mit der  Pädagogik Célestin Freinets. Jede Gruppe trifft sich mindestens einmal wöchentlich zum Gruppenrat. Neben Gruppen- und Schülersprechern gibt es aber auch ein Kinderparlament. Für die Schüler_innen heißt das, dass sie ihr Leben an der Schule aktiv mitgestalten

"Wir sind eine lernende Schule", sagt Schulleiterin Signe Brunner-Orawsky. Für sie und ihr Team von Pädagog_innen ist es wichtig, niemals an den Punkt zu gelangen, an dem man sich einbildet, alles verstanden zu haben. So, wie sie als Lehrer_innen den Kindern helfen, neugierig zu bleiben und sich individuell zu bilden, wollen sie selbst weiter dazulernen und so auch das Konzept der Schule weiterentwickeln. Auf diese Weise setzen sie zwar auf die Erfahrungen von Erziehungswissenschaftlern vom Anfang des letzten Jahrhunderts, bauen diese aber so aus, wie es den Anforderungen des Hier und Jetzt angemessen ist. 

Dieses dynamische Konzept des kontinuierlichen Lernens wird von Eltern, Schüler_innen und Lehrer_innen getragen und vor Ort erfüllt, stößt bei der Landesregierung und dem Kultusministerium aber auf Argwohn. Das Land Baden-Württemberg steht einem solch innovativen Schulprojekt nämlich kritisch gegenüber und ist misstrauisch, wenn da jemand plötzlich neue Wege geht, ohne unter dem Dach eines kirchlichen Trägers zu sein und sowieso vieles anders macht, als man es gewohnt ist. Leider hat diese Verschiedenheit bisher kein Engagement zum besseren Kennenlernen oder gar eine Förderung zur Folge, im Gegenteil, obwohl die LernZeitRäume ein ungewöhnlich gut durchdachtes Konzept vorzuweisen haben und Schüler_innen wie Eltern hochzufrieden sind, bleibt eine finanzielle Förderung aus. Das gefährdet das ganze Projekt und trägt nicht dazu bei, dass Baden-Württemberg eine innovative und vielfältige Schullandschaft vorzuweisen hat. Dass eine mutige und relevante Schule nur mit der finanziellen Unterstützung von Eltern existieren kann, ist ein wahres Armutszeugnis für unser Bildungssystem.

Am Ende eines erkenntnisreichen Tages legen wir uns erst einmal in die Sonne und verarbeiten unsere Erlebnisse. Irgendwann setzt sich das Schulleitungsteam zu uns und ein herzliches, ungezwungenes Gespräch entwickelt sich. Wir sprechen lange über die Möglichkeiten, die ihr Umfeld der Schule bietet - und wo ihr durch ebendieses auch Grenzen gesetzt sind. Wir sind beeindruckt, dass man sich hier nicht entmutigen lässt, sondern auch trotz Gegenwind an dem erfolgreichen Schulmodell festhält.

So kommen unweigerlich die Lehrkräfte und ihr Selbstverständnis zur Sprache, ein Thema, das uns natürlich besonders interessiert. "Man hat hier keinen Job, sondern ist Teil eines Projekts", stellen Signe Brunner-Orawski und Axel Ohnesorge fest und ergänzen: "Wir arbeiten nicht nur gemeinsam, wir leben für einen Teil des Tages zusammen " Das deckt sich mit dem, was wir am Vormittag beobachten konnten: Innerhalb des Kollegiums herrscht eine herzliche, gelassene, ja freundschaftliche Atmosphäre, die sich auf die SchülerInnen überträgt. Zu dieser Einstellung passt, dass man sich in Dossenheim uneingeschränkt duzt. 

Wieder einmal bestätigt sich, dass ein gutes Team die Basis einer erfolgreichen Schule zu sein scheint. 

Wie man vor allem neu eingestellte Lehrer_innen in ein solches Team integriert, erzählte uns das Schulleitungsteam auch und ihr könnt die Antwort in diesem Video finden:

Kurz nach der Aufnahme des Videos treffen wir uns in der Mensa der LernZeitRäume und stellen uns den Fragen von Lehrer_innen, Eltern und Interessierten. Dabei bekamen wir die Möglichkeit zu erzählen, wie Kreidestaub entstanden ist, wie es zur Bildungsreise kam und was wir auf dieser Reise lernen konnten. Das Ganze gibt es als Video und sieht so aus:

#4 Helene-Lange-Schule, Wiesbaden

Die Herausforderungen einer Bildungsreise sind vielfältig. 

An diesem Morgen sollten sie daraus bestehen, alles Gepäck mit Tetris -Technik im Kofferraum zu stapeln, sodass dieser sich schließen lässt, dem Berufsverkehr aus dem Weg zu fahren, einen Parkplatz in Schulnähe zu finden - und dann auch noch pünktlich zu sein. Unser Start an der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden war also eher holprig, doch der Empfang dadurch nicht weniger herzlich. In einem Konferenzraum der Schule wartete nicht nur frischer Kaffee auf uns, sondern auch der Schulleiter Eric Woitalla, eine Lehrerin und zwei Herren vom hessischen Kultusministerium, in deren Runde wir Platz nahmen. Diese Art von Aufmerksamkeit gegenüber Hospitanten überraschte uns zunächst, ist aber in dieser Schulkultur nicht außergewöhnlich, sondern selbstverständlich.

Die Helene-Lange-Schule, oder kurz HeLa, gewann 2007 den Deutschen Schulpreis und ist eine der bekanntesten Schulen Deutschlands. Gegründet als reine Mädchenschule im 19. Jahrhundert, wurde sie 1986 unter der Leitung von Enja Riegel zur Gesamtschule. Wände wurden eingerissen, um den Kindern Platz zur Entfaltung zu bieten und um das Vorhaben, eine Schule als Lebensraum zu gestalten, umzusetzen. Gedankenkonstrukte wurden eingerissen, um den Kindern individuelle Förderung zu ermöglichen und endlich das Lernen in Gemeinschaft zu betonen. Dieser Wandel verlief nicht reibungslos: Zur Amtseinführung der neuen Schulleiterin erschien das gesamte Kollegium als Zeichen ihrer Trauer in schwarz. 

Doch diese Tage sind lange vorbei, heute ist die Schule UNESCO – Projektschule und seit einigen Jahren Versuchsschule des Landes Hessens. Eltern müssen mittlerweile Bewerbungen schreiben, um ihr Kind anzumelden, denn es gibt dreimal mehr Bewerber_innen als Plätze. Ca. 800 Neugierigen dient die HeLa pro Jahr als Modell, was erklärt, weshalb selbst die Schüler_innen mediale Aufmerksamkeit gewohnt sind und es perfekt ausgearbeitete Präsentationen für Interessierte wie uns gibt. 

Unter all diesem Glanz bilden aber auch an der Helene-Lange-Schule vor allem gute Beziehungen zwischen den Menschen den Kern des Konzeptes. Jede Jahrgangsstufe besteht zunächst einmal aus Schülerinnen und Schülern mit verschiedenen Leistungsniveaus. Das Gesamtschulkonzept funktioniert hier ohne äußere Leistungsdifferenzierung, das bedeutet, dass Kinder und Jugendliche mit Prognosen für Haupt, - Real, - oder Gymnasialstufe alle in einem Raum zusammen lernen. 

Äußere Differenzierung ist im Allgemeinen keine beliebte Methode an der HeLa, auch Lehrerinnen und Lehrer lehren und lernen gemeinsam. Es existieren Jahrgangsteams, bestehend aus 6-8 Lehrer_innen, die gemeinsam Lernkonzepte und Stundenpläne für das Schuljahr ihrer Gruppen entwickeln. Lehrerinnen und Lehrer leben Beziehungen also auch vor. Ein weiterer Faktor, der die soziale Kompetenz fördert und Problemlösestrategien fordert ist die Tatsache, dass alle Beteiligten eines Jahrgangs, also Schüler_innen und Lehrer_innenteams, von Stufe 5 - 10 nicht getrennt werden. Man muss sich miteinander arrangieren und aneinander wachsen, denn man lebt für eine lange Zeit zusammen. 

Alle Pädagogen und Pädagoginnen, mit denen wir während unserer Hospitation ins Gespräch kamen, schwärmten genau von diesem Umstand: Das Beziehungsgeflecht wird gestärkt und das bewirkt, dass die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen im Unterricht tatsächlich erkennbar und vor allem einschätzbar ist. 

Jeder Jahrgang nennt ein gesamtes Stockwerk sein Reich. Auf einer kompletten Etage richtet sich eine Stufe für zwei Jahre ein. Sie gestaltet den Schülertreff, ein offener Mehrzweckraum, in dem wir uns wie in unserem Wohnzimmer fühlten und Schüler_innen beim Proben von Vorführungen, beim Malen oder Reden beobachten konnten. Nach Ablauf dieser zwei Jahre zieht der gesamte Jahrgang geschlossen in das nächste Stockwerk, wo das Einrichten, Dekorieren und Gestalten von Neuem beginnt. Den Schülerinnen und Schülern obliegt dabei natürlich die Verantwortung, die alten Räumlichkeiten zu streichen und so zu hinterlassen, dass andere dort neu starten können. 

Verantwortung zu übertragen, Selbständigkeit zu wecken und Kreativität zu fördern sind drei Dinge, die uns von der Helene-Lange-Schule besonders im Gedächtnis geblieben sind. So hat die Schule eine Fülle und Bandbreite von Projekten vorzuweisen, die einzeln aufzuzählen zu viel Raum einnehmen würde. Deshalb sei an dieser Stelle das fünfwöchige Theaterprojekt in Klasse neun hervorgehoben. Für diesen Zeitraum findet kein anderer Unterricht statt, die gesamte Stufe setzt sich mit ihrem Stück auseinander, es werden professionelle Kräfte wie Regisseur_innen oder Bühnenbildner_innen angestellt und am Ende der fünf Wochen feiert die ganze Schule die große Aufführung. Der Gedanke dahinter, der sich nach langer Erfahrung als berechtigt herausstellt ist: Wer viel Theater spielt, ist auch besser in Mathematik. Und nicht nur das, denn selbstverständlich lernen die Schüler_innen hier viel über sich selbst, wie man sich präsentiert und als Team zusammenarbeitet. 

Die Helene-Lange-Schule sieht sich nicht nur in der Verantwortung, ihren Schülerinnen und Schülern Fachliches zu vermitteln, sondern auch sogenannte Lebenskompetenz. 

Denn wer fragt nach dem Abschluss schon ernsthaft danach, wie viele Stacheln ein Igel hat? Laut einer Lehrerin der Schule könne man solches Wissen im Notfall irgendwo nachlesen. Die Fähigkeit, mit anderen, ganz unterschiedlichen Menschen gemeinsam ein Problem zu lösen, vor anderen frei sprechen zu können oder schlicht und einfach zu wissen, wie man sich seinen Alltag organisiert, sind jedoch Kompetenzen, die zwar schwerer aber viel relevanter zu erlernen sind als andere.

Auch für solche Fragen ist Platz in der HeLa. Wer eine Antwort hat, pinnt sie darunter.

Auch für solche Fragen ist Platz in der HeLa. Wer eine Antwort hat, pinnt sie darunter.

Auf Basis dieser Einsicht wurden verschiedene Praktika konzipiert, um Schülerinnen und Schüler auf die Welt außerhalb der Schule, die ja durchaus real ist und unweigerlich auf sie zukommen wird, vorzubereiten. 

So gibt es in Klasse zehn das Sozialpraktikum. Neben der Möglichkeit sich eine Praktikumsstelle zu suchen, besteht eine Partnerschaft mit der Stadt Görlitz, sodass dieses Praktikum im Idealfall dort in einem „Lerndorf“ absolviert wird. Schülerinnen und Schüler, die sich sonst nur in der Schule begegnen, wohnen in Görlitz gemeinsam und müssen ihren Alltag miteinander gestalten und bestreiten. Ein anderes Praktikum, das uns beeindruckt hat, ist das sogenannte „Jung und Alt“ Projekt, bei dem Schüler_innen sich über einen längeren Zeitraum regelmäßig mit einer älteren Person in ihrer Umgebung treffen, Zeit miteinander verbringen, für diese Person einkaufen gehen - Beziehung aufbauen. Für die Phase dieses Praktikums fällt der Religionsunterricht aus, denn wozu hypothetische über Nächstenliebe reden, wenn man sie auch praktizieren kann? 

„Entschulung“ ist ein Konzept, das die HeLa in nächster Zeit in Angriff nehmen möchte: In Klasse 8 für ein halbes Jahr raus aus der Schule, Leben in seiner praktischen Form kennenlernen, und dann mit neuem Elan weitermachen. Die einzige Frage, die der Schulleitung dabei noch Sorgen macht, ist der allgemeine Leistungsstandart, auf dem sich alle Achtklässler am Ende eines Schuljahres - laut Kultusministerium - befinden sollten.

Uns hat die Art der Helene-Lange-Schule mit Wissen, Lernen und Lebenswirklichkeit umzugehen, überzeugt. Sie stellt die Frage nach dem Sinn und der Aufgabe von Schule heutzutage neu: 
Bereiten wir Kinder uneingeschränkt auf einen Universitätsabschluss vor oder geben wir ihnen die Möglichkeit, sich tatsächlich frei zu entwickeln, selbst zu entscheiden und dabei optimal auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein?

Das Menschenbild einer Schule auf einem A4-Blatt. 

Das Menschenbild einer Schule auf einem A4-Blatt. 

Wie wir alle in diesem Konferenzraum sitzen, der Powerpoint-Präsentation folgen und Schulleiter Eric Woitalla uns die neuen Gedanken zum Qualitätsmanagement erklärt, können wir uns dem Eindruck nicht erwehren, in der Vorstandssitzung eines großen Unternehmens gelandet zu sein. All die Projekte, Praktika, Fahrten, Feiern, die Konzepte und Strategien wollen verwaltet, weiterentwickelt und gesichert werden. Man erklärt uns, dass bei all dem Mehraufwand, den eine Regelschule nicht betreiben muss, eigentlich Fachkräfte zum Beispiel für Verwaltung dringend gebraucht würden. Doch dafür darf die Schule kein Geld ausgeben. Es ist nur erlaubt, Lehrerinnen und Lehrer anzustellen, die dann zwangsläufig alle Aufgaben erledigen müssen. 

Ein multiprofessionelles Team wäre an dieser Schule ein wahrer Segen - stattdessen muss man hier auf multiprofessionelle Lehrkräfte bauen, die aber natürlich nicht besser bezahlt werden können. Eine Lehrerin äußert sich dahingehend auch wehmütig, denn es bliebe ihnen bei all den Meetings und Entwicklungen kaum genug Zeit für das Kerngeschäft: Unterricht, Schüler_innen, Beziehung. 

Der Status einer Versuchsschule bringt also viele Vorteile mit sich, doch wir lernen auf unserer Reise auch, dass dieser Modellschulcharakter oft verhindert, dass diese guten, funktionierenden Konzepte in die Breite gehen. Die HeLa ist eine herausragende Schule, doch in ihrer Region die einzige ihrer Art - wir fragen uns weshalb das so ist. Vielleicht, weil sich die Art und Weise wie Schule in diesem Land konzipiert, unterstützt und gelebt wird dann von Grund auf neu gedacht werden müsste?

Wir verlassen Wiesbaden mit Köpfen voller Ideen und Eindrücke und ganz neuen Fragen. Ein Ausschnitt aus dem Interview mit dem Schulleiter bekommt ihr im folgenden Video zu sehen:

#3 Grundschule Berg Fidel, Münster

"Berg Fidel - Eine Schule für alle". 

Dieser Titel eines Dokumentationsfilms lockte nicht nur viele Besucher ins Kino, sondern auch uns Studierende an die dazugehörige Grundschule in Münster. 

Der Film, den wir uns noch in Hamburg gemeinsam angesehen hatten, erzählt die Geschichten von vier Schüler_innen der Grundschule Berg Fidel, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, variierend in ihrem kulturellen Hintergrund, ihrem Alter, ihrem Leistungsniveau. Nun standen wir im Morgengrauen vor besagter Schule und waren gespannt, ob Realität und Vision kompatibel sind.

Berg Fidel ist die einzige Grundschule auf unserer Route quer durch Deutschland und außerdem die erste Schule, die keine Aufnahmebedingungen an ihre Schüler_innen stellt. Hier praktiziert man seit Jahren ein System, das in der Öffentlichkeit zurzeit das beliebteste Thema in Sachen Bildungsreform zu sein scheint: Inklusion. 

Doch da, wo andere Schulen an einem bestimmten Punkt ihre Pforten schließen und Kinder mit ausgeprägteren körperlichen oder geistigen Behinderungen oder mit starkem Lernförderungsbedarf schlichtweg ablehnen, geht Berg Fidel weiter. 

Aus der tiefen Überzeugung heraus, dass jedes Kind gewollt und jede Art von Separation künstlich und menschenfeindlich ist, entstand das Konzept, allen Kindern gemeinsames Lernen und Entwicklung zu ermöglichen - auf individuellem Niveau, aber gemeinsam. 

Wir sind neugierig und wollen wissen, wie diese Lerngemeinschaft funktioniert und was wir als angehende Lehrer_innen davon lernen können. Denn dass wir auf einen solchen Schulalltag in unserer Ausbildung bislang nicht vorbereitet werden, ist uns allen klar. 

So bleibt uns zunächst die beobachtende Perspektive. Anders als an den vorherigen Schulen, verteilt uns Schulleiter Reinhard Stähling vor Beginn des Unterrichts einzeln auf alle Klassen, wo wir von den Kindern begeistert empfangen werden. Niemand scheint sich an einer zusätzlichen erwachsenen Person im Raum zu stören, denn hier ist man auch aufgrund der besonderen Situation zu der Erkenntnis gelangt, dass der Lehrer oder die Lehrerin als Einzelkämpfer ausgedient hat und bedingungslos inklusiver Unterricht nur im Team gelingen kann. Diese Teams setzen sich aus Personen unterschiedlicher Professionen zusammen, sie sind: Lehrer_innen, Sozialarbeiter_innen, Sonderpädagog_innen und auch Praktikant_innen. Gemeinsam gestalten sie das Projekt Schulalltag und genießen dabei das volle Vertrauen der Schulleitung. Diese ist davon überzeugt, dass die Pädagog_innen, die am nähsten an den Kindern dran sind, auch am besten wissen, was für die individuell optimale Entwicklung der jeweiligen Gruppe vonnöten ist. Um diese Autonomie zu unterstützen wird jedes Team einmal im Halbjahr innerhalb der Unterrichtszeit freigestellt, um gemeinsam kreativ zu werden, Visionen zu entwickeln und die  Strukturen zu reflektieren.

Ein inklusives Konzept verlangt demnach gewissermaßen nach einer bestimmten pädagogischen Haltung den Schüler_innen gegenüber. Am besten kann man diese Haltung als stark individuumszentriert und empathisch beschreiben.

Durch die unterschiedlichen Erlebnisse, die wir an diesem Tag in den verschiedenen Klassen gesammelt haben, ergeben sich für uns zwei Fragen:

1. Wenn alle Teams in größtmöglicher Autonomie arbeiten sollen, wie kann dann diese gemeinsame Haltung in allen Teams geschaffen werden? 

2. Wie können Lehrer_innen authentisch handeln und sich selbst treu bleiben, wenn sie gleichzeitig einer bestimmten pädagogischen Haltung gerecht werden sollten?

Verschnaufpause vor dem Interview

Verschnaufpause vor dem Interview

Am Ende des Tages sitzt uns Schulleiter Reinhard Stähling gegenüber, der sich fast zwei Stunden Zeit nimmt, um mit uns über unsere Erfahrungen ins Gespräch zu kommen. 

Wir haben uns über Ungehorsam im Schulbetrieb, langen Atem für Veränderungsprozesse und den Sinn und Unsinn universitärer Lehrer_innenbildung ausgetauscht. 

Da wir diesen Schatz nicht für uns behalten wollen, könnt ihr euch das Video vom Gespräch nun hier anschauen!

Was uns weiter begleitet, sind die neuen Fragen und der beeindruckende Mut, sich komplett zu öffnen.

 

#2 Anne-Frank-Schule, Bargteheide

Dienstagabend, Hamburg, dicht gedrängt in einem Falafelladen: 12 Bildungsreisende und Enrike, die uns von ihrer ehemaligen Schule und unserem nächsten Ziel erzählt- der Anne-Frank-Schule in Bargteheide. Ihre Augen glänzen, sie schwärmt, kann sich keine bessere Schule vostellen und wir suchen den Fehler, nehmen sie ins Kreuzverhör. Wie kann es sein, dass eine staatliche Gemeinschaftsschule ohne extravagantes Konzept den deutschen Schulpreis gewinnt? Was ist das Geheimnis? Die Schüler_innenschaft besteht zu Anfang des Jahres zu je einem Drittel aus Kindern mit Haupt, -Real, -und Gymnasialempfehlung - zum Ende schneiden durchschnittlich ca. 60 % besser ab als ihre Prognose es voraussagte. Welche innovative Struktur verbirgt sich hinter diesem Erfolg? Wir sind verwirrt. Solange, bis wir am Mittwoch morgen nach Bargteheide fahren, um uns selbst ein Bild von dieser Schule zu machen. 

Dort eingetroffen ist die erste Person, die wir treffen "unser wunderbarer Hausmeister", wie Enrike ihn uns vorstellt. Er begrüßt uns herzlich und lotst uns freundlich in Richtung Lehrer_innenzimmer, doch auf dem Weg dorthin verlaufen wir uns, bzw. nutzen die Chance, die Umgebung und die Atmosphäre kennenzulernen und wahrzunehmen: Große, helle und sehr saubere Gebäude, Gemeinschaftsräume und Sitzgelegenheiten für Schüler_innen an jeder Ecke, moderne Schließfächer vor den Klassenräumen und neben jeder Tür eine Glasscheibe, sodass uns neugierige Schüler und Schülerinnen aus den Räumen beobachten wie wir orientierungslos durch das Schulgebäude irren. 

Am richtigen Ort angekommen, begrüßt uns Herr Hein, der pädagogische Koordinator der Schule. Er nimmt sich Zeit, um uns die Anne-Frank-Schule vorzustellen, aus seinem Lehreralltag zu berichten und setzt sich mit unseren Fragen auseinander. Durch dieses ausführliche Gespräch und den Blick hinter die Kulissen, gelingt es uns, die DNA dieser Schule zu entdecken und zu verstehen. Es wird deutlich, dass es eben doch kein reiner Zufall ist, dass hier Schule funktioniert und obendrein auch noch Spaß macht. 

Beziehungsarbeit leisten. 

Vor dem Besuch der Schule eine Worthülse, nichts woraus wir als angehende Pädagog_innen konkrete Methoden bzw. Verhalten ableiten konnten. Und nun ist es genau eines der großen gelüfteten Geheimnisse hinter den glänzenden Augen. 

Je zwei Klassenlehrer_innen betreuen ihre Klasse von der 5. bis zur 10. Stufe. Wie uns scheint eine Grundvoraussetzung für gelingende Beziehungen. "Ein guter Pädagoge ist an den Einzelschicksalen seiner Schüler interessiert". Ganz klar liegt hier der Fokus auf dem Menschen und nicht auf dem "Stoff" - eine Haltung, die sich auch in der Aufteilung des Lehrerzimmers zeigt. Lehrer_innen sitzen in Jahrgangsteams statt nach Fächern sortiert zusammen. Warum ist das eigentlich nicht überall so? Schwierige Situationen werden gemeinsam besprochen und gelöst.     

Doch auch für Herrn Hein ist klar: Ohne die visionäre Schulleitung wäre diese Schule nicht möglich. Als wir später die Gelegenheit haben, mit Frau Knies persönlich zu sprechen, wird jedoch deutlich, dass die Vision, ihre Schule kontinuierlich weiterzuentwickeln und an die Herausforderungen eines sich ständig verändernden Schüler_innenalltags anzupassen und weiterzudenken, vom gesamten Kollegium getragen wird. Die Anstöße zur Innovation kommen heute nicht nur von ihr, sondern aus allen Richtungen. Damit diese Ideen auch zu nachhaltigen Innovationen werden und tatsächlich die Qualität verbessern, müssen sie zunächst von der zu gleichen Teilen aus Schüler_innen, -Eltern, -und Lehrer_innenschaft bestehenden Schulkonferenz beschlossen werden und sich dann mindestens zwei Jahre in der Praxis bewährt haben, bevor neu darüber verhandelt wird. 

Auch der ständige Austausch mit dem Netzwerk Blick über den Zaun, sichert die Qualität der Innovationsprozesse. Schulen besuchen sich und evaluieren sich nach dem Prinzip der "kritischen Freunde" gegenseitig.  

Insgesamt begegnen wir hier außerordentlich viel individuellem (unbezahltem!) Engagement seitens der Lehrkräfte, stellen uns dabei aber die Frage nach Grenzen psychischer Kapazitäten sowie Zeit und Raum für Ruhe- und Energietankung. Sind nur 10% Innovation im Jahr vielleicht doch zu viel? Trotzdem haben wir das Gefühl, nur Lehrer_innen mit einem Lächeln im Gesicht zu begegnen. Der wertschätzende Umgang miteinander findet sich im Team, genauso zwischen Schüler_innen und Lehrer_innen und unter den Schülerinnen und Schülern. Die Stärken eines_r jeden werden hervorgehoben. 

Zwei Projekte tragen dazu besonders bei

Beim Talentschuppen handelt es sich um einen Abend, der ein Mal im Jahr statt findet und an dem Schülerinnen und Schülern die Bühne gegeben wird, ihre persönlichen Talente vorzustellen. Außerdem durchlaufen alle siebten Klassen das "Stärkenseminar". Dabei beschäftigen sich die Schüler_innen für zwei Tage mit herausfordernen Aufgaben. Dabei werden sie von "Nicht-Lehrer_innen" beobachtet. Im Anschluss spiegeln diese jedem_r Schüler_in dessen_deren individuellen Stärken. 

Auch wir fühlen uns darin bestärkt, genau das Richtige zu tun und an dieser Schule jederzeit willkommen zu sein. Inklusive vieler neuer Eindrücke und der Gewissheit, dass alles möglich ist, wenn die Beziehung stimmt, begeben wir uns wieder Richtung Zug nach Hamburg. Mit glänzenden Augen.

Glänzende Augen nach dem Besuch in Bargteheide. Hier kommen wir gerne wieder hin :).  

Glänzende Augen nach dem Besuch in Bargteheide. Hier kommen wir gerne wieder hin :).

 


#1 Montessori-Oberschule, Potsdam

Wir haben uns von Anfang an gefragtwarum wir in unserem Studium kein "best-practice" betreiben. Warum untersuchen wir nicht systematisch, wie die besten Schulen in Deutschland arbeiten? Warum beschäftigen wir uns nicht mit Schulen, die anders arbeiten als gewöhnliche Schulen, und damit unheimlich erfolgreich sind?

Dieser Wunsch eines zeitgemäßen Studiums für Lehrer_innen lassen wir nun Realität werden. Gestern ist unsere Bildungsreise gestartet. Wir haben die Montessori-Oberschule in Potsdam besucht.

Der Plan der Jugendschule am Schlänitzsee.

Der Plan der Jugendschule am Schlänitzsee.

Am Morgen haben wir eine Einleitung über das Konzept und die Schulkultur von der Schulleiterin Ulrike Kegler bekommen.

Anschließend hatten wir am Vormittag die Gelegenheit, zu hospitieren. Die meisten Türen standen offen. Die Kinder genießen an dieser Schule eine große Bewegungsfreiheit. Trotz oder gerade wegen dieser strukturellen Freiräume ist es in der Schule sehr ruhig. Permanent laufen welche von ihnen nach draußen, holen sich neues Material und arbeiten dann, so unser erster Eindruck, oft unheimlich konzentriert an einer Sache. 

Wir haben uns bei unserer Hospitation besonders die Strukturen und Arbeitsweisen der Klassen 7 und 8 angesehen. In diesen beiden gemischten Stufen arbeiten die Jugendlichen über zwei Jahre ausschließlich an Projekten. Über einen unterschiedlich langen Zeitraum wird ein bestimmtes Thema bearbeitet. Hier nähern sich die Schüler_innen aus verschiedenen Perspektiven den Themen; es gibt keinen richtigen Fachunterricht, sondern viel mehr fachübergreifende Blöcke, die das Erschließen des Themas viel einfacher machen. 

Die zweite Hälfte des Tages haben wir in der Jugendschule am Schlänitzsee verbracht. Das ist ein brach liegendes Gelände. Hier ist in den sechs Jahren ein Ort entstanden, den primär die Schüler_innen gestaltet haben. Aus den Klassen 7 und 8 fährt immer eine der Projektgruppen für eine Woche an den See, um hier, schon vorbereitete und angestoßene, Projekte mit einem Landwirt und einem Kanubauer zu verwirklichen; es wird täglich gekocht, die Natur muss bewirtschaftet werden und es werden neue Projekte, wie ein Salbeigarten oder der Bau einer Wasserpumpe, realisiert. An diesem Ort sind die Schüler_innen außerhalb ihrer normalen Lernumgebung und setzen sich intensiv mit der Natur und ihren Begebenheiten und Herausforderungen auseinander. 

Diese neue Form von Schule und Lernen hat uns wirklich begeistert und wieder mal gezeigt, wie viel in Schulen möglich ist.

Heute haben wir in der Reflexionsrunde versucht, unsere gesammelten Erfahrungen und Gedanken aus der Montessori-Oberschule Potsdam zusammenzufassen.

Drei Themen haben uns dabei besonders zum nochmaligen Nachdenken angeregt.

1. Die Mitbestimmung der Schülerinnen und Schüler:

An der Schule gibt es schon einige Möglichkeiten für Schüler_innen zu partizipieren. Im täglichen Morgenkreis wird geklärt, welche Themen den Kindern und Jugendlichen im Kopf herumschwirren, was die Gruppe an dem jeweiligen Tag machen möchte, was jede_r Einzelne an diesem Tag machen will und ob es noch weitere Dinge zu klären gibt. Außerdem gibt es an der Schule eine Schülervertretung, die sich aus je zwei Klassensprecher_innen zusammen setzt. In der Schülervertretung werden dann die Vertreter_innen für die Schulkonferenz gewählt. Auf dem Gelände der Jugendschule am Schlänitzsee haben die Jugendlichen die Möglichkeit, aktiv mit zu gestalten, eigene Ideen einzubringen und die Themen ihrer Projektgruppen selbst zu bestimmen. Wir haben keinen reflektierten Eindruck bekommen, wie viele ihrer Ideen die Kinder und Jugendlichen in der Schule oder zur Konzeptionsentwicklung einbringen können.

Das ist wohl etwas, was uns auf unserer Reise öfter begegnen wird. Ein einziger Tag und nur die Meinungen einiger weniger Schüler_innen und Lehrer_innen müssen nicht repräsentativ für das Bild einer Schule.

2. Lehrer_innenbildung und Kollegiumskultur:

Besonders beeindruckt hat uns der innere Zusammenhalt des Kollegiums. Um innere Hierarchien zwischen Grundschul- und Sekundarstufelehrer_innen aufzubrechen,  wurde das Prinzip der Rotation im 3-Jahres-Rhythmus innerhalb des Kollegium eingeführt, d.h. alle Lehrkäfte müssen in allen Klassenstufen unterrichten. Eines unser persönlichen Highlights ist, dass das Kollegium zusammen auf Bildungsreisen fährt. Ähnlich wie wir besuchen die Lehrer_innen verschiedene Schulen, um herauszufinden, wer sie sind, was sie können und neue Ideen davon zu bekommen, woran sie noch arbeiten können. Außerdem gilt bei allem, so sagte Frau Kegler: "Einfach erst mal machen und dann die Fehler machen."

3. Inklusion und der Umgang mit Heterogenität:

"Über Inklusion kann man und sollte man mit Kindern nicht reden, man sollte sie vorleben." War der entscheidende Satz von Frau Kegler. Ziel der Montessori-Schule ist es alle gleich zu behandeln und auf niemanden mit dem Zeigefinger zu zeigen. Förderung im Sinne von selektiven Zusatzangeboten erscheinen hier unpassend. Alle Lehrer_innen verstehen sich als Sonderpädagog_innen, jedes Kind wird mit seinen individuellen Bedürfnissen gesehen. So zumindest die Idealvorstellung. In der Hospitation kommen uns dann aber doch die ein oder anderen Zweifel, ob die Umsetzung des Ideals in die Praxis nicht an einigen Stellen vielleicht auf Kosten der Entwicklung der Kinder geht. Einige Fragen bleiben offen. So zum Beispiel: Wie viele Strukturen brauchen die Kinder zum Lernen? Sind für gewisse Tätigkeiten, wie das Schreiben lernen, bestimmte angepasste Arbeitsplätze dem Boden zu bevorzugen? Inwiefern kann man die Kinder einbinden, als Hilfskräfte für "benachteiligte" Kinder? Und in dem Zusammenhang:

Wie viel Verantwortung kann man Kindern zumuten?

Wie weit sollte Inklusion thematisiert werden? "Jede_r ist anders! Und dadurch besonders und einzigartig und hat individuelle Bedürfnisse..." Um eben diese immer optimal zu erfüllen, ohne andere Kinder zu vernachlässigen, sollten, unserer Meinung nach, Expert_innen wie zum Beispiel Sonderpädagog_innen weiterhin ihre Berechtigung haben

Wichtig erscheint uns stetig einen Blick dafür zu haben,was ein Kind gerade braucht. Alles steht und fällt mit dem_der Pädagog_in , seiner_ihrer Haltung dem Kind gegenüber und seiner_ihrer Intuition.

Auf geht's!

Endlich sind wir unterwegs.

Wer hätte das gedacht? Gestern morgen wussten wir noch nicht einmal, wie genau wir von A nach B kommen. An unserem Kennenlerntag in Potsdam konnten wir aber gemeinsam an diesem Problem arbeiten und schlussendlich eine Lösung finden:

Während wir jetzt zu fünft im Zug auf dem Weg nach Hamburg in der mittlerweile 5. Regionalbahn sitzen, trampen zwei andere und fünf Leute setzen sich ins Auto.
So kommen wir alle auf unsere Art ans Ziel.

Die zweite Herausforderung war, in allen Städten für alle Bildungsreisende ein Dach über dem Kopf zu organisieren. Nach unzähligen Telefonaten mit Freunden, Freundesfreunden und alten Klassenkameraden haben wir in fast allen Städten genügend Schlafplätze. Nur in oder auch um Dossenheim (Heidelberg) fehlen uns noch ein paar. Wenn ihr was wisst und Kontakte habt, freuen wir uns über eine Nachricht von euch!

Heute haben wir der Montessori-Schule Potsdam einen Besuch abgestattet. Morgen treffen wir uns, um den Besuch zu reflektieren. Danach präsentieren wir euch unsere Erfahrungen und Erkenntnisse genau hier!

Eure Staubaufwirbelnden

P.S.: Hier noch ein Blick auf den Weg der vor uns liegt: 

Reiseroutebild.jpg

 

Vorfreude #staubaufwirbeln

Was ist Deine persönliche Motivation, mit auf die Bildungsreise zu kommen? Was macht sie für Dich bedeutsam? - 9 Antworten

 

Ich habe Sonderpädagogik studiert und  werde nun nach 2jähriger Pause meinen Master beginnen. In letzter Zeit habe ich mich nicht viel mit Schule beschäftigt - das soll sich nun wieder ändern! Ich möchte gerne meine Visionen einer anderen Lern- und Lebenskultur erweitern, festigen und mich mit neuen Eindrücken, Gesprächen und Anregungen für den neuen Unistart einstimmen. Bin gespannt...

Bedeutsam macht die Reise, dass wir es in der kurzen Zeit, die wir uns kennen und die Kreidestaub existiert, echt geschafft haben DAS auf die Beine zu stellen! Ich freu mich riesig und hoffe, neue Eindrücke, Konzepte und Möglichkeiten kennenzulernen, die mich für mein zukünftiges Lehrer-dasein prägen und weiterbringen. Für mich zu sehen und verstehen was guten Unterricht und gute Schulen ausmacht, und was die Voraussetzungen meinerseits und auch seitens der Schulen und der SchülerInnen dafür sein müssen.
Außerdem bin ich gespannt und freu mich auf eine schöne und erlebnisreiche Reise und auf alles Weitere, dass uns auf unserem Weg begegnen wird!

Unter welchen Bedingungen gelingt Lernen? Es gibt zahlreiche Ansätze, von denen ich noch nicht einmal gehört habe, geschweige denn sie erleben durfte. Gemeinsam mit motivierten und interessierten Studis auf Entdeckungsreise (auch der eigenen Vorstellungskraft in Bezug auf "Schule") zu gehen, verspricht Spaß und Kopfzerbrechen, Fragezeichen und Inspiration. Meine weiße Bildungslandschaft soll farbige Flecken bekommen!

Ich will mir einen Eindruck verschaffen, wie Schule GUT funktionieren kann. Wie ist die Atmosphäre an den Schulen? Ich will mehr kennenlernen, als das was ich in meiner bisherigen Schullaufbahn erlebt habe. Bedeutsam ist sie für mich, weil ich unser Konzept, das wir alles selber organisieren und die Reise zusammen als Gruppe planen und durchführen, als absolutes grassroots ding großartig finde.

Its a dream! Der Traum eines Lehr- und Lernorts für Jedermann, an dem bewusste naturverbundene Menschen in gegenseitiger Liebe und Hingabe einander helfen ihre ureigensten Potenziale zu entdecken zu entfalten und ihr schönste Vision von sich selbst einander zu schenken. Ein Ort an dem Frieden, Freude und Gemeinschaft herrschen. Und ich mitten drin- will wissen wie´s geht und was sich für mich richtig und schön anfühlt, den Toolkoffer auffüllen bis er überläuft, Selbstentwicklung, etwas wagen, was ich mich sonst nicht traue, Team live erleben und mitgestalten....ohhh ich bin schon so "heiß" :D

Die einmalige Möglichkeit, gute Schulen hautnah zu erleben. Vielleicht eine Schule zu finden, in der ich ein längeres Praktikum machen kann. Erfahrungen zu machen, die mich und mein Leben bereichern werden. Mit den Menschen die mitfahren zusammenzuwachsen. Es gibt so viele Dinge auf die ich mich freue.

Gemeinsam etwas in Gang zu setzen. Das Gefühl zu haben, wir können Vorbild für zahlreiche junge Menschen im ganzen Land sein. Es sind 6 Monate seit dem ersten Treffen des Organisationsteams vergangen und wir haben so viel Unterstützung von unterschiedlichsten Seiten bekommen, dass ich glaube, dass wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Vor allem aber fühle ich mich bei den Menschen wohl, mit denen diese Bildungsreise stattfindet :).

Ich möchte erfahren, wie Bildungskonzepte in der Praxis wirken und aufgefasst werden. Ich möchte einen ungeschminkten Einblick in verschiedene Schulen bekommen und für mich herausfinden, was ich für mich nutzen kann und möchte.
Diese Reise ist bedeutsam, weil sie es ermöglicht, dass Interessierte in Schulen gehen und sich vor Ort mit Themen auseinandersetzten anstatt bloß über Bücher schlau zu werden.
#staubaufwirbeln

Ich war an meiner eigenen Schule nicht immer zufrieden und möchte sehen wie es auch anders funktionieren kann. Ich glaube, dass diese Reise sehr viel Potenzial hat und sicherlich irgendwas noch größeres durch sie angestoßen wird. Da ist man doch immer gerne dabei oder?

Kopf-Herz-Hand

Der Kopf - Das Problem

Was stört uns an der Lehramtsausbildung?

  • An den meisten Universitäten haben Lehramtsstudierende keine wirkliche Anlaufstelle, keinen Ort, keinen Treffpunkt, kein Zentrum zur Vernetzung. Sie wandern zwischen den fachwissenschaftlichen Fakultäten hin und her und gehören nirgendwo so richtig dazu.
  • Viele Bachelorstudiengänge – insbesondere für Gymnasiale Lehrämter - sind als fachwissenschaftliche Studienprogramme mit einer „Lehramtsoption“ konzipiert. Viele Lehramtsstudierende verwenden nur einen Bruchteil ihrer Studienzeit im Bachelor mit der Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Schule und Lernen. Im Klartext: Obwohl das Lehramtsstudium auf eine konkrete praktische Tätigkeit abzielt, sind oft schon die ersten 3 Jahre vergangen, ohne dass systematisch auf das Lehrersein vorbereitet wurde.
  • Die ohnehin schon knapp bemessene Zeit, in der sich Lehramtsstudierende mit bildungstheoretischen, schulpädagogischen, unterrichtspraktischen und lernpsychologischen Fragestellungen beschäftigen, lässt es nicht zu in diesen wichtigen Themenfeldern wirklich in die Tiefe zu gehen. Vieles bleibt grundsätzlich, abstrakt, theoretisch, ist wenig praxisorientiert und kratzt nur an der Oberfläche.
  • Demgegenüber steht ein großer zeitlicher Aufwand für explizit fachtheoretische Auseinandersetzungen, von denen Einige für die Lebensrealität von Lehrer_innen wenig relevant sind.
  • Wir bemängeln also sowohl eine dramatische Unterversorgung mit Praxiserfahrungen während des Studiums, als auch bisweilen falsche inhaltliche Schwerpunktsetzungen. Viele Themen, die nach unserer Ansicht wichtig wären, werden gar nicht behandelt. Wir vermissen konkrete Inhalte und die systematische Ausbildung personaler Kompetenzen.

  • Die bestehende Art Schule zu gestalten wird in der Ausbildung unzureichend in Frage gestellt. Eine Lehramtsausbildung, in der nicht unterschiedliche Konzepte (auch mit internationaler Perspektive) verglichen und hinsichtlich ihres Erfolges evaluiert werden, wird einem wissenschaftlichen Anspruch nicht gerecht.

 

Das Herz - Die Vision

Wie könnte eine zeitgemäße Lehramtsausbildung aussehen?

  • Der Name deutet es bereits an -  am Ende einer Lehramtsausbildung steht ein konkreter praktischer Beruf. Auf genau diesen sollte konsequenter vorbereitet werden. Unterschiedliche Studien, wie zuletzt die vieldiskutierte "Hattie-Studie", haben es bestätigt: Gutes Lehrerhandeln ist lernbar. Wie Lehrende handeln, hat Konsequenzen.
  • Die Aufgabe der Ausbildungsstätte muss es sein, den angehenden Lehrkräften Raum zu geben, sich selbst in ihrer angestrebten Rolle auszutesten, zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Das bedeutet auch regelmäßige Praxiseinheiten von Anfang an. Pädagogische, didaktische und lernpsychologische Theorien bekommen durch die Verknüpfung und Reflexion mit eigenen Erfahrungen einen höheren Wert für die Lernenden.
  • Ganz im Sinne einer Uni-Klinik böten bspw. Uni-Schulen – also Schulen direkt auf dem Campus – die Möglichkeit, jederzeit Schule zu erleben, an ihr zu forschen und Rückmeldungen der Schülerschaft sofort in die Ausbildung zu integrieren. Der Dialog mit Schüler_innen als den Expert_innen für ihr Lernen, muss gefördert und eine Selbstverständlichkeit im Rahmen der Lehramtsausbildung werden. Vielleicht wäre eine Lehramtsausbildung im Sinne eines dualen Studiums angebrachter.
  • Es ist nicht sicher, wie Schule in fünf oder vielleicht zehn Jahren gestaltet wird. Die Rolle des Lehrenden wird jedoch nicht in erster Linie die eines Wissensvermittlers sein. Fragen, die man mit einer 5-minütigen Internet-Recherche beantworten kann, werden einfach keine guten Fragen mehr sein. Stattdessen werden sich Lehrende zu Experten für Lernprozesse entwickeln. Deshalb braucht es eine stärkere Orientierung an Menschen und an komplexen Problemstellungen und weniger am „Stoff“. Kompetenzen wie die Fähigkeit zur Potenzialentwicklung, Konfliktbewältigung und schülerorientierter, lernpsychologisch begründeter Methodeneinsatz gehören in das Repertoire jeder zukünftigen Lehrperson.
  • Viele angehende Lehrer_innen kennen nur einen, nämlich ihren eigenen, Schulhintergrund. Um die oft fehlende Vorstellungskraft für andere Schulkonzepte freizusetzen, braucht es eine systematische Auseinandersetzung mit den besten Schulen – national und international. Jährliche mehrwöchige Hospitationen würden Horizonte erweitern und einen ideologiefreieren Umgang mit verschiedenen Schultypen ermöglichen.

 

Die Hand - Das Machen

Wie will kreidestaub zur Lösung des Problems beitragen?

  • Nach unserer Beobachtung gibt es an jeder Universität Lehramtsstudierende, die insgeheim ahnen, dass es viel besser gehen muss. Für diese sind wir erst einmal eine Anlaufstelle. Wir signalisieren: Du bist nicht allein mit deiner Unzufriedenheit. Wir wollen alle ansprechen, die ihre Zukunft in der Schule sehen und sind deshalb auch für Studierende anderer Fachrichtungen, Referendar_innen und andere Bildungsinteressierte da.
  • Wir sind nicht an eine bestimmte Universität gebunden. Unser Ziel ist es, überregional Menschen zu vernetzen, die sich für eine zukunftsfähige Schulpraxis einsetzen. Lehramtsstudierende, die mehr wollen! Bei uns kann jede_r mitmachen! Auch Studierende anderer Fachrichtungen oder Menschen aus der Praxis sind herzlich willkommen. Zusammen wollen wir Projekte initiieren, die alleine nicht möglich wären und Menschen zusammenbringen, die sich sonst nicht treffen würden.
  • Wir wollen aufklären: Auf unserer Facebookseite „posten“ wir hochwertige Inhalte über Bildungsinnovationen und konkrete, erfolgreiche Schulpraxis. Von Videos, Vorträgen bis hin zu kompletten Studien.

Das Motto ist: Die Dinge, die wir im Studium vermissen, organisieren wir uns selbst!

  • Mittelfristig organisieren wir lokale Treffen, inhaltsbezogene Diskussionskreise, Schulhospitationen, eigene Workshops und Ausflüge zu Podiumsveranstaltungen und Kongressen.
  • Ein großes Projekt von uns war die Bildungsreise im Herbst 2013. Vollkommen selbstorganisiert haben wir uns auf einen Roadtrip durch Deutschland begeben. Von einer innovativen Schule zur Nächsten. Wir wollten erforschen, wie das Lernen an diesen Schulen initiiert wird und welche Anforderungen die unterschiedlichen Konzepte an die Lehrpersonen stellen.
  • Kreidestaub ist weniger eine geschlossene Gruppe, als vielmehr eine Haltung. Wir möchten Andere inspirieren ebenfalls aus sich heraus aktiv zu werden. Unser Ziel ist es, dass Menschen, die sich mit dem Status Quo nicht zufrieden geben möchten über den Tellerrand ihrer Universität hinaus aktiv werden.